BRIEF_KASTEN
In seinem „Lied von der Glocke“, mit dem sich Friedrich Schiller drei Jahre lang geplagt hat, wusste er um das Geheimnis des guten Klangs. Das spröde Kupfer und das weiche Zinn müssen in eines zusammenfinden. So wird die Glocke nicht brechen und der Klang wird schön.
Wenn man die hohe Kunst des Glockengießens doch auch auf das Menschliche übertragen könnte, dass sich Gegensätzliches zu einem besseren Miteinander verbinden ließe! Das wäre ein hoffnungsvoller Ausblick.
Gegensätze gibt es ja mehr als genug, und es scheint, als ob sich Menschen zu sehr darin eingerichtet haben und sich in ihren jeweiligen Behausungen nicht stören lassen wollen: in ihren politischen Einstellungen, ihren Gewohnheiten, ihren Freizeitbeschäftigungen, in dem, was sie für selbstverständlich erachten, auch in ihrer Glaubensart. Menschen geben sich gern mit sich selbst zufrieden und die Gründe ihrer Unzufriedenheiten suchen sie bei den anderen.
Schillers Glocke zeigt den besseren Weg: Da könnten die Mutigen und die Zauderer zusammenfinden, weil doch Mut und Vorsicht gleich wichtig sind. Die Ungestümen und die Bedächtigen könnten im Miteinander besser gegen Bedrohungen gewappnet sein, als wenn bloß eine Seite das Sagen hat. Ist es zu gewagt, dies zu hoffen? Es gäbe einen schöneren Klang als den des raunzende Grundtons, der heute allenthalben zu vernehmen ist.
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