
Die Sorge um den Nächsten und das Gemeinwohl hätten Ratzenböck zeitlebens angetrieben - "Empathie im Fühlen, Denken und Handeln" hätten ihn ausgezeichnet, sagte Scheuer am Samstagmittag beim Requiem für den am 23. Dezember im 97. Lebensjahr verstorbenen früheren Landesvater im Linzer Dom. "Friede und konsensorientierte demokratische Politik waren ihm heilig. Das Miteinander stand für ihn im Vordergrund. Er war ein Brückenbauer zwischen Generationen zu Zeiten, in denen von einem Crash der Generationen und von der Aufkündigung des Generationenvertrags die Rede war. Er war ein Verbinder zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, ideologischen Ausrichtungen, politischen Parteien, kulturellen Stilrichtungen. Zu den Höhepunkten seines Lebens gehörte das Durchschneiden des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Wullowitz im November 1989. Europa war für ihn ein ganz großes Friedensprojekt", sagte Scheuer weiter. Politik habe Ratzenböck als "angewandte Liebe zur Welt" verstanden: "Josef Ratzenböck hat Verantwortung übernommen und er hat die Leute gemocht. Das haben sehr viele gespürt: Dem bin ich nicht gleichgültig, dem sind wir nicht egal!"
Bischof Scheuer überbrachte auch Gruß- und Dankesworte des emeritierten Bischofs Maximilian Aichern, der als Diözesanbischof von Linz „positivst“ mit Landeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck zusammengearbeitet hat. „Wir haben ihm als Kirche von Oberösterreich sehr viel zu verdanken“, zitierte er Bischof Aichern, der dem Verstorbenen auch für dessen „persönliche gläubige Haltung als Katholik“ und für die langjährige Verbundenheit dankte.
Dem Requiem im Linzer Dom ging eine gemeinsame Trauersitzung von Landesregierung und Landtag voraus, bei der das offizielle Oberösterreich von dem ÖVP-Politiker, der von Oktober 1977 bis März 1995 an der Regierungsspitze des Bundeslandes stand, Abschied nahm. Die Spitzen der Landespolitik würdigten den Verstorbenen dabei als authentischen Volksvertreter, als verbindenden Charakter und überzeugten Europäer.
In die Amtszeit Ratzenböcks fielen große politische Ereignisse wie der Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Beitritt Österreichs. Zu den bewegendsten Momenten zählte er selbst, als er am 11. Dezember 1989 gemeinsam mit dem südböhmischen Kreisvorsitzenden Miroslav Senkyr am Grenzübergang Wullowitz den "Eisernen Vorhang" durchschnitt. Auch nach seinem Abschied aus der Landesregierung blieb er politisch aktiv. So war er etwa bis 2017 Obmann des Oberösterreichischen Seniorenbundes.
Bei der Trauersitzung der Landesregierung und des Landtags würdigte Landtagspräsident Max Hiegelsberger den Verstorbenen als Landesvater, Gestalter und als "zutiefst sozialen Menschen", dem es wichtig gewesen sei, nahe bei den Menschen zu sein, und dem es um das Aufeinanderzugehen gegangen sei."
Der amtierende Landeshauptmann Thomas Stelzer nannte Ratzenböck "eine der prägendsten Persönlichkeiten unserer Zeitgeschichte". Teil seines Fundaments sei gewesen, dass er den Zweiten Weltkrieg miterleben musste und in einer zerrissenen Welt aufgewachsen sei. Die Zeitenwende nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe Ratzenböck "nicht nur miterlebt, er hat sie mitgestaltet". Als Meilenstein seines politischen Handelns nannte er u.a. die Einführung des Pflegegeldes, aber auch den Aufbau des Industriestandorts und die Gründung des Musikschulwerks.

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