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Die Welt braucht Väter

Gesellschaft & Soziales

Josef von Nazareth war ein wichtiges „Role Model“, ein Rollenvorbild für den Buben, Burschen und Mann Jesus. Papst Franziskus vermutet in seinem Schreiben „Patris corde“ („Mit dem Herzen des Vaters“), dass Josefs Vaterrolle auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater inspiriert hat. Zum beginnenden Josefsjahr 2021 schreibt Ernst Ehrenreich über das Mann-Sein damals und heute und über „Patris corde“.
 

Ausgabe: 01/2021
05.01.2021
- Gastkommentar von Ernst Ehrenreich
Wie ein Vater mit den Kindern umgeht, prägt die Familie mehr als häufig angenommen. Sein Umgang mit den anderen hinterlässt Spuren – so oder so.
Wie ein Vater mit den Kindern umgeht, prägt die Familie mehr als häufig angenommen. Sein Umgang mit den anderen hinterlässt Spuren – so oder so.
© Copyright 2018, KNA (www.kna.de). Alle Rechte vorbehalten

Diese Zeilen schreibe ich, nachdem mein kleiner Sohn Leonhard in meinen Armen eingeschlafen ist. Nun ist Ruhe eingekehrt – und ich habe Raum, um „Patris corde“ zu lesen. Als Theologe und Mitarbeiter der Männerberatung studiere ich die Gedanken zum heiligen Josef mit Interesse. Schreibt Papst Franziskus einen frommen Text in der Tradition der Josefsverehrung des 19. Jahrhunderts? Gibt er Impulse für Männer im Jahr 2021? Beim Lesen wird mir klar, dass beides der Fall ist. Diese Kombination passt zum Papst.

 

Spiegel des göttlichen Vaters

Die sieben Kapitelüberschriften geben den roten Faden an: es geht um Liebe und Erbarmen, das innere Hören, das Annehmen der Wirklichkeit, um kreativen Mut, um den Wert der Arbeit – und besonders spannend: um das Widerspiegeln des göttlichen Vaterbildes durch den heiligen Josef. Im Folgenden greife ich einige Aspekte heraus, die mir bedenkenswert erscheinen.

 

Zärtlichkeit und Kraft

„Die Welt braucht Väter, Despoten aber lehnt sie ab, also diejenigen, die besitzergreifend sind, um ihre eigene Leere zu füllen.“ Dieser Satz des Papstes erinnert mich an viele Beratungsgespräche mit Männern. Die Rollenbilder haben sich seit den 1960er-Jahren gravierend verändert. Unsicherheit, Überforderung und (nicht selten) innere Leere begleiten mehr Männer, als man meinen würde. Gerade auch jene, die dann gewalttätig werden. „Macho“ oder „Softie“? Karriere, Druck am Arbeitsplatz und Zeit für die Familie? Das Phänomen der vaterlosen Gesellschaft? Josef steht für einen unaufgeregten Typ Mann, der aus der Stille kommt und präsent ist: durch aufmerksame Feinfühligkeit, mit einer klaren Haltung und mit praktischer Tatkraft. Er verbindet Zärtlichkeit und Kraft.

 

Die Wirklichkeit annehmen

Als Schlüssel für diese Verbindung nennt der Papst die Annahme der Wirklichkeit. Ohne Annahme der Realität bleiben wir „eine Geisel unserer Erwartungen und der daraus resultierenden Enttäuschungen. Josef zeigt einen Weg, der annimmt. Nicht als „passiv resignierter Mann, sondern als mutiger Protagonist (…) Das Leben auf diese Weise anzunehmen führt uns zu einem verborgenen Sinn (…) In ihrer geheimnisvollen Unergründlichkeit und Vielschichtigkeit ist die Wirklichkeit Trägerin eines Sinns der Existenz mit ihren Lichtern und ihren Schatten.“ Schöner als Papst Franziskus hätte es auch der berühmte Therapeut und Sinn-Forscher Viktor Frankl nicht sagen können.

 

Träume und kreativer Mut

Bei Beratungsgesprächen frage ich gerne: „Hast du einen Traum, der dich begleitet? Wo geht dir das Herz auf?“ Träume geben Energie für den eigenen Weg und weisen die Richtung. Josef ist in Kontakt mit seinen Träumen – und er setzt sie schlicht und ergreifend im Alltag um. Die Träume sind auch das Bindeglied zwischen dem ägyptischen Josef und dem Nährvater Jesu. Dabei geht es aber nicht um realitätsfremde Träumerei, sondern um den kreativen Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Im Wortlaut des Papstes: „Wenn man vor einem Problem steht, kann man entweder aufhören und das Feld räumen, oder man kann es auf irgendeine Weise angehen. Manchmal sind es gerade die Schwierigkeiten, die bei jedem von uns Ressourcen zum Vorschein bringen, von denen wir nicht einmal dachten, dass wir sie besäßen.“ Auch das kann ich aus der Männerberatung nur bestätigen. Unnachgiebigkeit, Widerstandskraft und der praktische Sinn für Problemlösungen dürften beim heiligen Josef (neben der Gnade Gottes) auch in seinem Hausverstand und Erfahrungsschatz als Handwerker begründet gewesen sein.

 

Wie der Vater, so der Sohn

Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch – diese Spannung prägt die christliche Theologie. Der Papst nimmt das Menschsein Jesu erstaunlich ernst: „Josef brachte Jesus das Gehen bei und nahm ihn auf seine Arme (…) Jesus erlebte an Josef Gottes Barmherzigkeit.“ Tatsächlich wird Jesus von Josef nicht nur den Beruf gelernt haben, sondern auch, was Mann- und Vater-Sein heißt. Die Bedeutung von Rollen-Vorbildern, und konkret von Vater-Gestalten für heranwachsende Burschen, wird mir in der Beratung und auch als Vater täglich neu bewusst.

 

Irdischer Schatten des himmlischen Vaters

Wie Jesus sein Mann-Sein, seine Haltung zur Gewalt, seine Option für die Menschen am Rand und letztlich seine Beziehung zum Vater im Himmel gelebt hat, all das wirft einen Schatten (oder besser gesagt: ein Licht!) auf den Mann, den er am unmittelbarsten als Vorbild erlebt hat: Josef von Nazareth. In dieser Logik schreibt Papst Franziskus: „Gerne stelle ich mir vor, dass die Haltung Josefs Jesus zum Gleichnis vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater inspiriert hat.“ Auch beim Beten des „Vater-unser“ oder bei der Anrede „Abba“ – lieber Vater –, mit der Jesus seine innige Gottesbeziehung auf den Punkt bringt, schwingen menschliche Vater-Bilder und Erfahrungen mit. In diesem Sinn war Josef „in Bezug auf Jesus der irdische Schatten des Himmlischen Vaters“.


Aufgabe Vater-Sein

Damit schließt sich für mich der Kreis. Wenn ein Kind in deinen Armen einschläft, dann ist das etwas „Himmlisches“. Als Mann und Vater etwas von der Väterlichkeit Gottes erfahrbar machen zu dürfen – als sein Schatten – das nehme ich mir persönlich vom heiligen Josef als Geschenk und Aufgabe mit. «

 

 

Zur Sache
2021: Jahr des heiligen Josef 
2021 rief Papst Franziskus zum Jahr des heiligen Josef aus. Im 13-seitigen Schreiben „Patris corde“ (zu Deutsch: Mit dem Herzen des Vaters) beschreibt er den heiligen Josef in den sieben Kapiteln als Vorbild: Geliebter Vater, Vater im Erbarmen, Vater im Gehorsam, Vater im Annehmen, Vater mit kreativem Mut, Vater und Arbeiter, Vater im Schatten. Anlass für das Schreiben war, dass Papst Pius IX. vor 150 Jahren Josef zum Patron der Kirche erklärt hatte.

 

Titel. Mit keinem Heiligen – mit Ausnahme Marias – habe sich das päpstliche Lehramt so ausgiebig befasst wie mit Josef, schreibt Franziskus in „Patris corde“. Pius IX. ernannte ihn am 8. Dezember 1870 zum „Universalpatron der Kirche“, Leo XIII. betonte die Beziehung des Zimmermanns zur Welt der Arbeit, sodass Pius XII. ihn 1955 zum „Patron der Arbeiter“ erkor. Johannes Paul II. nannte Josef 1989 den „Beschützer des Erlösers“.

 

Verantwortung. Josef sei ein wichtiges Vorbild für alle Väter, schreibt Franziskus. Vater werde man, indem man sich verantwortungsvoll um ein Kind kümmert.

 

Ablass. Im Jahr des heiligen Josef 2021 soll dieses Heiligen besonders gedacht werden. Mit dem Josefsjahr verbunden ist die Möglichkeit eines vollkommenen Ablasses. Gewährt werden kann dieser unter der Voraussetzung der Beichte, der Eucharistie und des Gebets in Anliegen des Papstes.
vatican.va

 

 

Ernst Ehrenreich
Der promovierte Theologe und Pädagoge Ernst Josef Ehrenreich unterrichtet am Institut für Sozialpädagogik Stams, ist Männerberater im Team Landeck der „Mannsbilder Tirol“ und Mitglied im Pfarrgemeinderat Navis. Er verfasste das Buch „Wähle das Leben!“, in dem es unter anderem um die Bewältigung von Gewalt im alttestamentlichen Buch Deuteronomium geht. Mit seinem Sohn Leonhard Josef entdeckt er weitere Facetten und Herausforderungen des Mann-Seins.
mannsbilder.at 

 

Ernst Ehrenreich
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