REZEPT_
„Es geht ganz stark um die Beziehung. Oft sprechen wir mit unseren Kindern, ohne wirklich in Kontakt zu sein“, beschreibt Sabine Reichsthaler vom Erwachsenenbildungsinstitut „Kopfgarten – Dein Glückscampus“ ein häufiges Problem bei der Kommunikation in der Familie. Folgendes klassisches Beispiel aus dem Familienalltag nutzt sie zur Verdeutlichung: „Mama steht in der Küche und kocht, Papa schaut Skirennen, die Kinder spielen am Boden mit der Eisenbahn. Die Mama schreit aus der Küche: ‚In fünf Minuten ist das Essen fertig!‘ Wer kommt? Keiner, weil kein Kontakt da ist.“
Der erste Schritt, um das zu ändern, wäre demnach, einen guten Kontakt herzustellen – doch wie? Erstens, die Person oder das Kind direkt anschauen und ansprechen sowie dem Gegenüber die Gelegenheit geben, „anzudocken“, also das fertigzumachen, womit er oder sie gerade beschäftigt ist, und erst sprechen, wenn man dessen volle Aufmerksamkeit hat. Auch dafür hat Reichsthaler ein bildhaftes Beispiel: „Ich möchte als Mama mit meinem Sohn Ball spielen und stehe da mit dem Ball. Doch Lukas pflückt Gänseblümchen – das wird nichts. Ich spreche ihn an, warte, bis der ‚da‘ ist, und wenn er das ist, werfe ich erst meinen Ball.“
So simpel und logisch es klingt, so oft entstehe bei uns großer Frust, weil wir uns an diese einfache Regel nicht halten. „Wir kennen das auch aus dem Berufsleben. Ich schreibe gerade eine Mail, da kommt die Kollegin herein und redet schon los, obwohl ich noch ganz woanders bin. Diesen Frust können wir uns sparen, wenn wir warten, bis der andere mit seiner Aufmerksamkeit da ist.“ Anders formuliert: Man wendet dem anderen die Nase und den Nabel zu.
Geht es um Konfliktthemen, schwierige Gespräche, Ärger und Frust, so sei es besser zu warten, bis die Emotion „draußen“ ist. „Wenn das Kind oder auch der Partner, die Partnerin voll im Ärger ist, im Stress, total genervt, dann ist Kontakt gar nicht möglich. Deshalb ist es besser zuwarten, bis sich der Kelomat abkühlt“, sagt Reichsthaler. „Und wenn wir uns lieb haben, wenn es uns miteinander gut geht, dann besprechen wir die schwierigen Dinge. Und nicht in dem Moment, wo der Kelomat noch pfeift, die Emotionen noch hoch sind.“ Kontakt heißt: Ich merke, du bist da, wir können uns auf Augenhöhe begegnen und das in Ruhe besprechen, so Reichsthaler. In Kontakt kommen kann man auch über Berührungen, durch leiser sprechen oder in die Hocke gehen, um auf Augenhöhe der Kinder zu sein. „Es geht darum, sicherzustellen, dass der Kontakt da ist und du auch bereit bist, mich zu hören.“
„Wir erzeugen Druck und Stress über unsere Sprache oft selbst“, erklärt Reichsthaler. Dies geschehe, in dem wir Wörter wie „müssen“, „schnell“ oder eben „Stress“ verwenden. Ein Grundbedürfnis des Menschen sei jenes nach Autonomie, also nach Selbstbestimmung. Kinder erfahren keine Autonomie, wenn sie von den Eltern immer hören „Du musst, du musst, du musst“. Dadurch entsteht bei den Kindern ganz viel Druck. Und auch bei den Eltern selbst: „Ich muss jetzt Mittagessen kochen, die Kinder vom Kindergarten abholen, dann müssen wir zum Fußball oder Musikunterricht, wir müssen die Oma besuchen, die Hausübung machen usw. Dieser Druck kann herausgenommen werden, in dem man diese Sätze umformuliert. Dazu ein paar Beispiele: Anstatt „Wir müssen jetzt fahren“, kann man sagen „Kommt, wir fahren jetzt“, oder anstatt „Wir müssen noch den Tisch decken“ lieber die Aussage „Kommt, wir decken jetzt den Tisch“ wählen. Kurz gesagt: „Wir tun etwas“ ersetzt „Wir müssen“.
Ähnliches gilt für Sätze mit „Du darfst nicht“. Auch hier spielt das Autonomieempfinden mit hinein. Jedes Nein gehe im Gehirn in die Alarmzentrale und sei eine Einladung zum Widerstand, erzeuge negative Gefühle. Deshalb appelliert Reichsthaler, „großzügiger mit unseren Ja zu sein. Wir sagen oft Nein, obwohl wir Ja sagen könnten.“ Jedes Ja gehe im Gehirn in die Belohnungszentrale und sei wie ein Lottogewinn. Ein einfaches Beispiel: Das Kind fragt: „Mama, darf ich auf den Spielplatz gehen?“ und die Mama sagt: „Nein, du hast noch nicht gegessen.“ Anders kommt die Formulierung an: „Ja, gleich nach dem Mittagessen“ oder „Ja, gleich nachdem die Hausüfung fertig ist“. Es sei im Grunde dieselbe Aussage, klingt jedoch weniger negativ und ist im Gegensatz zur vorherigen Version ein Beziehungsangebot. „Wenn wir großzügig mit unseren Ja sind, passiert Folgendes, und das finde ich wirklich zentral: Wen wir einmal ein Nein brauchen, hat dieses wirklich Gewicht und Bedeutung.
Was auch helfen könne, ist zu erklären, warum das Kind oder der Teenager etwas nicht darf. Etwa in Form von „Mir ist wichtig, dass du um 22 Uhr daheim bist, weil …“ anstatt „Du darfst nicht nach 22 Uhr auf der Straße sein.“ So entstehe Begegnung auf Augenhöhe und nicht von oben herab. „Denn dann reden wir auf einmal über Werte, über jenes Rahmenkonstrukt, dass bei uns in der Familie wichtig ist. Es öffnet sich die Tür zum Dialog.
Ein weiterer Tipp für positive und bewusste Sprache im Familienalltag von Sabine Reichsthaler lautet, „Zu sagen, was ich will, und nicht, was ich nicht will.“ Damit meint sie etwa, wenn das Kind auf das Klettergerüst klettert, nicht zu sagen „Fall nicht hinunter“ sondern „Halt dich gut fest“ oder „Geh langsam“ anstatt „Nicht laufen“, oder „Denk bitte daran, deine Jausenbox einzupacken“ anstatt „Immer vergisst du deine Jausenbox“. Was im Kopf des Kindes sonst hängen bleibe, sei das „Herunterfallen“, „Laufen“ und „Vergessen“. „Ich gebe die Anweisung, worum es geht, und nicht das Gegenteil. Denn wir denken in Bildern und Worten“, sagt Reichsthaler. Durch diese und viele weitere sprachlichen Möglichkeiten wird eine bewusste, positive Atmosphäre und ein Werterahmen geschaffen, sagt Reichsthaler: „Was wir heute zu unseren Kindern sagen, wird später mal ihre Stimme nach innen und ihre Stimme nach außen. Unsere Worte heute erschaffen ihre Wirklichkeit.“
REZEPT_

Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>