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Wir leben in einer lauten Gesellschaft: Wer sich oft und auffällig zu Wort meldet, wird gehört und gesehen. Das bringt eine von Medien aller Art geprägte Welt mit sich.
Die Kehrseite ist, dass dadurch in vielen Bereichen wertvolle Ideen und Fähigkeiten verloren gehen können, weil sie erst gar nicht gesehen und gehört werden.
Der Psychologe Florian Dorfstetter hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Ein Ergebnis seiner Forschung ist, dass introvertierte, also eher ruhige Personen oft als kühl oder arrogant wahrgenommen werden. Deshalb werden sie eher übergangen, wenn es etwa um die Besetzung von Leitungspositionen in einem Team oder einer Abteilung geht. Manches wird ihnen erst gar nicht zugetraut, weil Kolleg:innen gar nicht wissen, wo die Stärken dieser Person liegen.
Weil es oft so wirkt, als würden sie lieber auf Distanz bleiben, werden ruhigere Personen auch oft nicht gefragt, ob sie sich anschließen möchten, wenn andere nach Feierabend zum Beispiel noch gemeinsam ein Lokal besuchen. Die Kolleg:innen gehen davon aus, dass die Introvertierten ohnedies lieber gleich nach Hause fahren, und so verstärkt sich die Distanz. Es braucht dann Kolleg:innen, die das sehen, auf den anderen zugehen und fragen: „Magst du nicht auch einmal mitgehen?“
Dass eher extrovertierte Personen, also Menschen, die mehr aus sich herausgehen, als kompetenter gesehen werden, ist auch eine Frage der Kultur. In unserer westeuropäischen Gesellschaft ist das angesehen.
„Dass in unserer Kultur eher die Lauten gesehen werden, wird durch Social Media sicher verstärkt“, meint Florian Dorfstetter. „Wer viel preisgibt, wird mehr wahrgenommen, das reiht der Algorithmus wieder nach vorne, und das erzieht die Menschen eher dazu, auf sich aufmerksam zu machen.“
Eine Lösung wäre für den Psychologen daher, dass schon Kindern oder Jugendlichen vermittelt wird, dass sie in Ordnung und eine wichtige Person sind, auch wenn sie nicht ständig im Mittelpunkt stehen. Erwachsene können sie darin bestärken, indem sie ruhigeren jungen Menschen die gleiche Aufmerksamkeit schenken und sie so in den Fähigkeiten bestätigen, die sie haben.
Interessant ist, dass introvertierten Menschen gesagt wird: „Sag’ auch einmal was!“ Oder: „Warum bist du so ruhig?“, aber selten hören Extrovertierte: „Sei ein bissl ruhiger!“ Jede Persönlichkeit hat ihre Stärken und das Zusammenspiel ist wichtig! Wer mit Introvertierten zu tun hat, muss ihnen oft mehr Zeit und Aufmerksamkeit entgegenbringen. „Wenn jemand ruhig ist, wird das oft als negativ dargestellt“, gibt der Psychologe zu denken, „dabei ist das einfach eine Persönlichkeitseigenschaft.“
Oft äußern Introvertierte im Zweiergespräch oder in kleinen Gruppen gute Gedanken oder Ideen, die sie in einer großen Runde nicht sagen würden. Hilfreich wäre, wenn leitende Personen anbieten würden, Gedanken anders einbringen zu können, etwa in schriftlicher Form oder im Gespräch bis zu einem gewissen Zeitpunkt. In-trovertierte haben oft die Stärke, genauer zu beobachten, und dann die jeweilige Situation einzuschätzen.
Die Gefahr für Unternehmen ist etwa, dass Ruhige, deren Meinung nicht berücksichtigt wird, einen anderen Arbeitgeber suchen. Diese Ressource ist dann verloren. Es braucht also beides: dass Ruhige ein wenig über ihren Schatten springen und versuchen, sich einzubringen, und eine Umgebung, die das auch sieht und geeignete Formen anbietet.
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