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Inhalt:
Die Zukunft der Priester

Es geht um gläubige Gemeinden

Weltkirche

Die KirchenZeitung hat den Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner gefragt: Wie sieht das Priesteramt der Zukunft aus? 

Ausgabe: 25/2022
21.06.2022
- Paul Michael Zulehner
Paul Michael Zulehner ist Priester und war bis zu seiner Emeritierung 2008 Univ.-Prof. für Pastoraltheologie an der Universität Wien.
Paul Michael Zulehner ist Priester und war bis zu seiner Emeritierung 2008 Univ.-Prof. für Pastoraltheologie an der Universität Wien.
© Copyright 2017, KNA GmbH, www.kna.de, All Rights Reserved

Es gibt immer weniger Priester für die Pfarrgemeinden. Das verändert die Seelsorge, aber auch das priesterliche Selbstverständnis. Manchmal wird sogar diskutiert, ob die Kirche Priester braucht. Dazu der Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner. 


Es war in Eberau (Burgenland). Die Innenministerin hat mit dem Bürgermeister ein Aufnahmezentrum für Schutzsuchende vereinbart. Es kam ans Licht. Eberau stimmte mit 95 Prozent dagegen. Dann diskutierte auch der Pfarrgemeinderat darüber. Wieder waren 95 Prozent dagegen. Am Sonntag ging der Pfarrer ans Pult. Er las das Evangelium vom Weltgericht (Mt 25) und sagte:  „Wenn wir Eberauer einst vor dem Richterstuhl stehen, wird uns der Auferstandene fragen:  ‚Ich war auf der Flucht, und  ihr?‘“
Für solche prophetische Widerrede braucht es „Bestellte“, lateinisch „Ordinierte“. Sie sichern in der Gemeinde, für die sie bestellt sind, die Treue zum Evangelium. Katholisch fügen wir hinzu: dass die Nachfolgegemeinschaft im Verbund mit der Kirche bleibt.

 

Spurensicherung

 

Anfangs lag der Dienst der Spurtreuesicherung bei jenen, die Zeug/-innen der Auferstehung waren. Als diese gestorben waren, bildete sich der Ordo aus. Damit macht die Kirche in den Gemeinden ein Mitglied als Spurtreuesicherer haftbar. Dabei ist es Aufgabe jedes Kirchenmitglieds, auf den Geist zu horchen (1 Kor 12,7) und die Geister zu unterscheiden (1 Kor 12,10). Denn niemand ist davor gefeit, den eigenen Vogel mit dem Heiligen Geist zu verwechseln. 


In den letzten Jahrhunderten hat die Kirche Privatberufene aufgespürt und ordiniert. Zuvor gab es hingegen eine Zeit, in der die Gemeinden selbst geeignete Personen gewählt und zur Ordination vorgeschlagen haben.  Das haben mit guten Gründen auch die Bischöfe Amazoniens, darunter Dom Erwin Kräutler, vorgeschlagen. Und auch Bischof Fritz Lobinger aus North-Aliwal in Südafrika, dem wir das Bibelteilen verdanken, plädiert schon lange dafür. 

 

Erfahrene Personen

 

Gläubige Gemeinden werden künftig „personae probatae“ aufspüren: Personen, die mit dem Evangelium randvoll sowie im Gemeindeleben erfahren sind: Frauen wie Männer. Ausreichend vielen wird die Kirche die Hand auflegen. Die Ordination zerstört nicht die Charismen, die diesen Personen als Getauften geschenkt sind und die sie – wie alle anderen – ins Gemeindeleben einbringen. Sie verleiht auch keine höhere Würde, denn es gibt keine höhere Würde als jene, von Gott zum Volk „hinzugefügt“ (Apg 2,47) zu sein. Auch darf aus der Ordination der einen keine Subordination (Unterordnung) der Kirchenmitglieder abgeleitet werden. Ordinierte handeln synodal, nicht klerikal.


Arbeitslos werden solche Ordinierte nicht. Sie werden nicht nur wie in Eberau prophetisch kämpfen, sondern bringen mit anderen die Jesusbewegung in Fahrt. Miteinander sammeln sie Heranwachsende um sich. Sie tun mit ihnen das Evangelium, bevor sie dieses erklären. Sie werden auch jenen Vorgängen vorstehen, in denen sich die Kirche verbindlich äußert und den Menschen so erfahrbar macht, dass Gott unserem Tun mit seiner Gnade zuvorkommt: im Herrenmahl und in der Taufe.

 

Alle sind „Laien“

 

Vorstehen werden sie nur faktisch, nicht zwingend. Immer ist es die ganze Gemeinde, welche die Liturgien feiert und der im wünschenswerten Normalfall ein Ordinierter vorsteht. Zur Zeit des Kirchenlehrers Tertullian (150–220) war es selbstverständlich, dass die Gemeinde ad hoc einen zum Vorstehen bestimmen konnte, wenn ihr die Autorität keinen Ordinierten beigesellt hatte. Bei der Taufe ist die Praxis als Nottaufe bis heute rechtens. Einige feiern inzwischen „Not-Eucharistie“, in Basisgruppen oder in Versammlungen während der Pandemie. 
All dies zeigt, dass „Priester“ und „Laie“ heute theologisch untaugliche Begriffe sind. Besser ist es, von „Hinzugefügten“ und darunter „Ordinierten“ zu sprechen. „Laien“ als Mitglied des Volkes Gottes sind sie alle.


Die Zukunft der Kirche wird sich nicht am Priestermangel entscheiden: Sterben wird die Kirche im Land, wenn es keine Nachfolgegemeinschaften gibt und diese dazu beitragen, dass der Himmel schon jetzt auf die Erde kommt. In Spuren wenigstens.  «  

 

Im Herbst 2021 veröffentliche Paul Michael Zulehner das Buch „Eine epochale Reformchance. Zum Synodalen Weg der katholischen Weltkirche“ im Patmos-Verlag.

 

 

Leitartikel von Heinz Niederleitner zum Thema:

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