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Dialog Kirche und Marxismus: „Verliert nicht die Fähigkeit zu träumen“

WELTKIRCHE_

Papst Franziskus traf in Rom christliche und marxistische Intellektuelle. Initiert wurde das Zusammenkommen von der Fokolarbewegung.

Ausgabe: 03/2024
16.01.2024
- Monika Slouk
© Copyright 2007 2mooar / Photocase Addicts GmbH, all rights reserved.

Seit Karl Marx ist die Beziehungsgeschichte zwischen Marxismus und Christentum von Konkurrenz, Feindschaft, Unterdrückung und Kritik geprägt, aber auch von Hassliebe, Interesse und Inspiration.

 

In diese Geschichte reiht sich ein Treffen von Papst Franziskus mit der marxistisch-christlichen Dialoggruppe „Dialop“ ein, die von der Fokolarbewegung initiiert wurde und seit vielen Jahren den Dialog über ideologische Grenzen hinweg pflegt.

 

ÖSTERREICH STARK VERTRETEN

 

15 Persönlichkeiten bekamen am 10. Jänner eine Privataudienz beim Papst, sieben davon aus dem marxistischen Kontext, acht aus dem katholischen. Aus Österreich dabei waren Walter Baier, Parteivorsitzender der Europäischen Linken und von 1994 bis 2006 KPÖ-Vorsitzender, die katholische Sozialethikerin Petra Steinmair-Pösel, Luisa Sello von der Fokolarbewegung und Obfrau der Dialoggruppe „Dialop“, Katarina Anastasiou von der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und dem Netzwerk „transform!europe“ und Franz Kronreif, Fokolarbewegung und Mitbegründer von „Dialop“.

 

ELEKTRISIERENDE BEGEGNUNG

 

Spürbar bewegt kamen die marxistischen und katholischen Gäste aus dem Gespräch mit Papst Franziskus, das doppelt so lang dauerte wie angekündigt und sich von einem reinen Begrüßungsvortrag des Papstes wegentwickelte zu einem echten Austausch.

 

„Ich war überrascht, dass der Papst ohne Rollstuhl zur Privataudienz erschien“, schildert die Innsbrucker Sozialethikerin Petra Steinmair-Pösel die Begegnung. „Es war ihm aber anzumerken, wie anstrengend das Gehen für ihn ist. Nachdem er seine vorbereitete Rede gehalten hatte, stieg er in ein lebendiges Gespräch mit den Anwesenden ein und wurde dabei immer aktiver und präsenter!“ Neben seinem inhaltlichen Interesse kam auch sein bekannter Humor nicht zu kurz.

 

MUT, SOLIDARITÄT UND EHRLICHKEIT

 

Besonders legte Papst Franziskus den Gästen mit den verschiedenen ideologischen Hintergründen ans Herz, in deprimierender Zeit nicht aufzuhören davon zu träumen, dass es auch anders sein könnte.

 

Drei Haltungen wären wichtig, wie Steinmair-Pösel die Gedanken des Papstes zusammenfasst: „Erstens: Dass wir Mut haben, mit Traditionen zu brechen und im Dialog mit offenem Herzen auf andere zugehen. Zweitens, dass wir die Menschen am Rand der Gesellschaft nicht vergessen, so wie er es auch in Laudato siʼ, Fratelli tutti und anderen Dokumenten geschrieben hat. Solidarität sei eine notwendige Forderung der Gerechtigkeit, nicht nur eine moralische Tugend. Und drittens, dass wir mutig gegen Korruption und Machtmissbrauch eintreten sollen, für Integrität und Ehrlichkeit.“

 

KP-CHEF WÜNSCHT DEM PAPST GUTES

 

Im Verlauf des Gesprächs kamen für die Weltgesellschaft virulente Themen auf, die Papst Franziskus am Herzen liegen und sowohl für linke als auch für katholisch engagierte Menschen wichtig sind, wie Migration oder der Frieden in Nahost.

 

„Was mich besonders berührt hat“, blickt Steinmair-Pösel auf die Begegnung zurück, „dass Papst Franziskus uns abschließend alle gebeten hat: ‚Pray for me!‘ – ‚Betet für mich!‘“ Dieser Wunsch traf auch den Vorsitzenden der Europäischen Linken, Walter Baier, wie er im Gespräch mit Radio Vatikan verriet: „Beten ist mir nicht möglich. Ich übersetze das in meine Sprache als: daran denken und ihm Gutes wünschen. Und so ist es: Das ist mir nahe und das ist mir wichtig.“

 

Auf die Frage des Radio-Vatikan-Redakteurs Stefan von Kempis, ob denn etwas an den Behauptungen dran sein, der Papst sei selbst ein Kommunist, meinte der KPÖ-Mann abwehrend: „Nein, ich kann ihm die Dispens erteilen.“

 

Franziskus sei sicher kein Kommunist. „Inwieweit in die Enzykliken Laudato siʼ und Fratelli tutti Resultate marxistischer Gesellschaftsanalyse eingegangen sind, ist schwer zu beurteilen, denn vielfach handelt es sich um wissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, und Marxismus ist auch etwas, das an den Universitäten gelehrt wird und in den wissenschaftlichen Common Sense eingegangen ist. Ich sehe in Papst Franziskus jemanden, mit dem ich übereinstimmen kann, dass das technokratische Paradigma und die Dominanz unserer Gesellschaften durch die Finanzmärkte unerträgliche Lebensumstände für die Mehrheit der Menschheit geschaffen haben – und wir sollten da kein Copyright beanspruchen. Die Welt ist so, wie sie ist – und sie kann und muss gemeinsam zum Besseren verändert werden.“

 

„Dialop“-Gruppenbild mit Papst.
Wollen über Weltanschauungsgrenzen hinweg zusammenarbeiten, um Probleme der Welt zu lösen: Linke und Katholik:innen des „Dialop“.
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IN ROLLE DES GEGENÜBERS SCHLÜPFEN

 

Als „unglaublich wichtiges Anliegen in dieser Zeit“ nannte die deutsche Co-Präsidentin des linken Netzwerks „transform!europe“, Cornelia Hildebrandt, den Einsatz des Papstes für den Frieden. „Wir brauchen seine Stimme für den Frieden!“ – Die Stimme eines „unglaublich lebendigen Papstes“.

 

„Als ich ihm von meiner Vision erzählte, Jerusalem als Ort, wo drei Weltreligionen zusammenkommen, für die Friedensfrage zu nutzen, und der Papst von dem Profit sprach, der durch Waffenexporte und Waffenkäufe in Kriegen gemacht wird, da kehrte sich die Argumentation eigentlich um: Er argumentierte materialistisch-sozialistisch, und ich machte einen Vorschlag, den man auch aus christlicher Perspektive machen hätte können. Es war ein echter Dialog, bei dem man in die Rolle des Gegenübers schlüpfen kann.“

 

MÜSSEN ZUSAMMENARBEITEN

 

Warum es diesen Dialog über die Weltanschauungsgrenzen hinweg überhaupt gibt, erklärt Luisa Sello von der Fokolarbewegung aus der Notwendigkeit für einen „360-Grad-Dialog“: „Die Fokolarbewegung ist keine linke Bewegung, aber der Dialog in alle Richtungen ist uns wichtig – innerhalb der Kirche, unter den Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen.“

 

Dialog bedeute nicht Lehren oder Missionieren, sondern gegenseitigen Respekt und die Offenheit, sich verändern zu lassen. Die Probleme der Gegenwart würden solche Dialoge besonders notwendig machen. „Keine Kraft in der Welt ist imstande, die Probleme der Welt zu lösen. Deswegen müssen wir über die Weltanschauungsgrenzen hinweg zusammenarbeiten.“
 

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Maria Fischer studierte Theologie und Philosophie. Sie ist Pastoralvorständin der Pfarre TraunerLand in der Diözese Linz.

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