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Dem Tod knapp entronnen

Weltkirche

Den 26. Jänner 1990 wird Pfarrer Franz Windischhofer nie vergessen: Gefesselt stand er im Pfarrsaal von Chavín de Huántar in Peru vor einem „Volksgericht“, das ihn zum Tod verurteilen sollte. 
 

Ausgabe: 4/2020
21.01.2020
- Josef Wallner
Pfarrer Franz Windischhofer in seiner Pfarre in Peru
Pfarrer Franz Windischhofer in seiner Pfarre in Peru
© privat

Das große religiöse Interesse der Leute, das Engagement der Katechisten und die vielen erfolgreichen sozialen Projekte: Franz Windischhofer war rundum glücklich als Missionar in Peru. Der Priester aus Königswiesen leitete bereits zehn Jahre Pfarren in Peru, damals Chavín de Huántar und Huántar, als Mitglieder der Terrorgruppe „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) bei ihm auftauchten. Der 26. Jänner 1990 war ein Freitag. Windischhofer war mit einer Frauengruppe zusammen, als um 20 Uhr – auch das weiß er noch genau – eine Gruppe von Terroristen in den Pfarrsaal stürmte, erst einmal alles Geld, das im Pfarrhof war, verlangte, ihn fesselte und der Anführer ihn vor das „Volksgericht“ stellte. 

 

Religion als Schlafmittel

Um den Prozess in die richtige Richtung zu lenken, gab der Anführer eine Schimpftirade zum Besten. Religion war für die marxistischen Terroristen „Opium“, und die Arbeit des Pfarrers galt als „Einschläfern“. Dann war das „Volk“ am Wort. „Nach einer beklemmenden Stille hat sich eine Frau gemeldet“, erzählt Windischhofer. Sie habe den Anführer respektvoll mit „Señor Terrorista“, mit „Herr Terrorist“, angesprochen und dann erklärt: „Der Pfarrer hat uns nicht eingeschläfert, sondern aufgeweckt.“ Sie lebten jetzt besser als zuvor, sie hätten Gemüse und Hühner, so die Frau. Das hätten sie der Gruppe zu verdanken, die der Pfarrer angeregt habe und begleite. „Plötzlich begannen mich mehrere zu verteidigen“, sagt Windischhofer. 

 

Sinnloses Töten

Der Anführer bekam einen Wutanfall, weil der Prozess gar nicht in seinem Sinne lief. Er ging daher zum Schuldirektor und ehemaligen Bürgermeister Hermogenes Montoro über. Ihn wagte niemand zu verteidigen. Nur Schweigen. Das war sein Todesurteil. Pfarrer und Bürgermeister wurden in Fesseln durch das Dorf getrieben. Windischhofer: „Es war eine stockdunkle, gespenstische Nacht.“ Unter  einem Eukalyptusbaum auf dem Dorfplatz wurde Montoro erschossen – von einem seiner ehemaligen Schüler. Der Pfarrer ist direkt danebengestanden: „Ich war wie gelähmt. Ich hätte nie gelaubt, dass sie dazu fähig sind.“ So schnell die Terroristen gekommen waren, waren sie wieder weg. Davor hatten sie noch das Gemeindeamt gesprengt und den Pfarr­hof in Brand gesteckt. Windischhofer rief über Lautsprecher die Bevölkerung zum Löschen auf; die Kirche konnte gerettet werden. Nach diesem Vorfall verließ Windischhofer das Land für ein Jahr, war dann in Molln als Priester tätig und kehrte 1991 wieder zurück. Er wollte wieder in seine alte Pfarre gehen, aber das war leider nicht möglich. Seither ist Windischhofer in einer anderen Gegend, in Callalli, Pfarrer. 

 

Keine Versöhnung

Wenn Pfarrer Windischhofer auf die Ereignisse von 1990 zurückblickt, sagt er: „Es war derartig sinnlos, so sinnlos.“ An die 70.000 Menschen haben der Kampf des „Sendero Luminoso“ und der gegen ihn im ganzen Land das Leben gekostet. Der Pfarrer hat nach wie vor Kontakt in seiner ehemaligen Pfarre, erst in der Vorwoche hat er die Witwe des Bürgermeisters besucht, die allein mit sechs Kindern zurückgeblieben ist. Obwohl 30 Jahre vergangen sind, ist eine Traumatisierung im Dorf spürbar. Es herrscht viel Misstrauen, weil auch ehemalige Terroristen wieder in ihr Dorf zurückgekehrt sind. Zwei von ihnen haben sich bei ihm sogar einmal entschuldigt. Das Problem besteht für Windischhofer aber darin, dass es für das ganze Land keine Instrumente der Versöhnung gab und auch jetzt nicht gibt. 

 

Jugend mit Visionen

Er ist froh, dass das Land zumindest im Gesamten einen wirtschaftlichen Aufschwung nimmt – wenn auch seine Freude nicht ungetrübt ist. „War früher der Terrorismus die große Herausforderung, ist es heute die Korruption.“ Wegen dieser fielen noch immer zu viele durch das soziale Netz. Aber er sieht auch viele Lichtblicke. Dank der Unterstützung aus Oberösterreich konnte und kann eine Reihe von jungen Menschen studieren. Aus den Worten des 69-jährigen Pfarrers spürt man ungebrochenen pastoralen Elan: „Wir haben so tolle Jugendliche. Die haben Visionen.“ Nicht zu verdenken ist Windischhofer, dass er sich über den Werdegang eines von ihnen, den von Timoteo Solórzana Rojas, besonders freut. Als Pfarrer in Chavín de Huántar hat er dem jungen Burschen Timoteo den Eintritt in den Orden der Herz-Jesu-Missionare ermöglicht. Seit November 2018 ist Timoteo Weihbischof. „Er macht das ausgezeichnet“, sagt Windischhofer, und man hört ein bisschen Stolz über seinen ehemaligen Schützling mitschwingen. «

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