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Inhalt:
Geistliche Vorbereitung auf das Osterfest im Stift Wilhering

Die Einzelnen sind entscheidend

Kirche OÖ

P. Notker Wolf war von 2000 bis 2016 Abtprimas und damit oberster Repräsentant des Benediktinerordens. Er vertrat weltweit an die 7.500 Mönche und 16.500 Ordensfrauen. Im Stift Wilhering kann man ihm im Rahmen eines geistlichen Tages persönlich begegnen.
 

Ausgabe: 12/2022
22.03.2022
- Josef Wallner
Der Benediktiner P. Notker Wolf
Der Benediktiner P. Notker Wolf
© derfotografdilger

Bei einem Einkehrtag geht es um Anstöße für einen lebendigen Glauben. Was ist für Sie ein lebendiger Glaube?


P. Notker Wolf: Glaube heißt für mich: Bindung an Jesus und sein Wort. Nicht, was gesellschaftlich verankert ist, nicht das, dem gerade alle zustimmen und was in den Augen aller modern ist, bedeutet für mich Glaube, sondern vom Evangelium her leben. Nach der Botschaft Jesu leben, in der es heißt: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ Oder: „Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet.“ Wenn ich vergeben kann, dann trenne ich Dinge ab. Das meint nicht, dass meine Vergehen bedeutungslos sind, aber ich lasse mich von ihnen nicht festhalten. Die christliche Botschaft ist so ein Weg zur eigenen Befreiung. Diese Botschaft trägt eine unfassbare Freude in sich, die in dem Wort Jesu gründet: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Es geht um das Leben in der Auferstehung Jesu, wie es der Evangelist Johannes beschreibt: „Jesus ist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.“ 


Buddhisten aus Japan, die unser Kloster in St. Ottilien besucht haben, haben mich gefragt, warum die Mönche so fröhlich sind. Sie haben besonders unseren Pförtner gemeint, der menschlich gesehen keine Karriere gemacht und bereits fünfzig Jahre in Treue seinen Dienst getan hat. Meine Antwort war: „Ich glaube, weil wir wissen, dass wir von jemandem geliebt werden, der über uns ist, der die Hand über uns hält.“ 


Als Abtprimas sind sie kreuz und quer durch die Welt gereist. Was können wir von Gläubigen aus den anderen Kontinenten für unser Christsein in Deutschland und Österreich lernen?


P. Notker: Von unseren vietnamesischen Schwestern und Brüdern zum Beispiel, dass man auch in Bedrängnis seinen Glauben in Freude leben kann. Die Christen werden in Vietnam noch immer vom kommunistischen Regime streng kontrolliert, aber ihre Widerstandskraft wächst daran. Das können wir uns von ihnen abschauen: nicht zu jammern, sondern zu wachsen, auch wenn wir verleumdet werden. Dass es sich lohnt, sich Zeit für den Gottesdienst zu nehmen, zeigen uns die afrikanischen Christen. Eine Messfeier kann bis zu vier Stunden dauern, aber sie erfüllt mit Freude. 
In Haiti habe ich einmal in einem Bergdorf Sonntagsgottesdienst gefeiert. Vier Jahre war dort schon kein Priester mehr gewesen. An diesem Tag hätten die Dorfbewohner zu Scheinwahlen gehen sollen, die der Diktator angesetzt hatte. Das haben sie nicht getan. Darum sind Soldaten gekommen, die von der Gabenbereitung bis zum Agnus Dei mit vorgehaltenem Gewehr gedroht haben. Der Mut und die Unerschrockenheit, mit der diese Dorfbewohner die Situation über sich ergehen ließen, hat auch mir jede Angst genommen.

 

Worin sehen Sie heute die größten Probleme für das Christsein in Mitteleuropa?


P. Notker: Im Konsumdenken und im Machtdenken. Wir brauchen auch in der Kirche Reformen der Macht- und Organisationsstrukturen. Es braucht unbedingt eine Gewaltenteilung in der Kirche. Doch trotz aller Strukturreformen kommt es auf die Einzelnen an: ob sie machthungrig sind oder loslassen können. Das ist der große Umbruch in unserer Gesellschaft: Nicht mehr man glaubt, sondern ich glaube. Es gilt, den persönlichen Glauben an Jesus Christus in den Mittelpunkt zu stellen. Es gilt das Wort Jesu: „Kehrt um und glaubt dem Evangelium.“ Die persönliche Umkehr ist das Allerwichtigste und Allerschwierigste. Das fordert heraus. 

 

Wie kann man seinen Glauben stärken?


P. Notker: Durch das Gebet und die betende Lesung des Evangeliums. Ich lese dabei einen Abschnitt des Evangeliums so oft, bis er in Fleisch und Blut übergeht. 


Aktuell ist die Missbrauchskrise das am meisten diskutierte Problem der Kirche in Deutschland …


P. Notker: Den Missbrauch gilt es nüchtern aufzuarbeiten. Die erste Sorge gilt den Opfern, die oft für ihr Leben traumatisiert sind.  Wir dürfen aber neben den Missbrauchtätern die vielen guten Priester nicht übersehen. Meine Hoffnung ist, dass durch die Missbrauchsfälle in der Kirche die Gesellschaft sensibler für den Missbrauch in den anderen Bereichen, wie etwa in den Familien, wird.«

 

 

>> Einkehrtag am 9. April 2022 im Stift Wilhering mit Livestream


 


 

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