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Fronleichnam: Macht- oder Ohnmachtsdemonstration?

GLAUBENS_GUT

Zu Fronleichnam finden vielerorts festliche Prozessionen statt. Die Pfarreien bieten auf, was ihnen möglich ist.

Ausgabe: 22/2026
26.05.2026
 Fronleichnam Prozession
Fronleichnam Prozession
© honorarfrei - Linz, Alois Litzlbauer

Traditionsverbände marschieren mit. Im Freien werden entlang des Prozessionswegs Altäre aufgestellt und feierlich geschmückt. Straßen werden abgesperrt. Öffentliche Verkehrsmittel und andere Verkehrsteilnehmer müssen warten, bis die Prozession vorüber ist. Ich erinnere mich an einen älteren Herrn, der mich nach einer Fronleichnamsprozession kritisch ansprach: „Eines muss man euch Katholiken lassen: Wenn ihr euren Gott durch die Straßen tragt, dann macht ihr schon richtig Zinnober.“ 

 

„Allerschädlichst“


Die Kirche ist über 1000 Jahre lang ohne das Fronleichnamsfest ausgekommen. Das Fest hat seinen Ursprung erst im frühen 12. Jahrhundert, in einer Vision der hl. Juliana von Lüttich. Etwa 100 Jahre später wurde es als Fest für die Gesamtkirche eingeführt. Martin Luther kritisierte, dass die Heilige Eucharistie nicht dazu da sei, um als göttlicher Gegenstand verehrt zu werden. Laut den Einsetzungsworten in der Bibel sagte Jesus: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, hingegeben für euch.“ Er habe, etwas salopp formuliert, eben nicht gesagt: „Nehmt und stellt mich als heiligen Gegenstand in goldenen Gefäßen zur Schau.“ Luther bezeichnete das Fest sogar als „allerschädlichstes Jahresfest“, da es beim gläubigen Volk Aberglauben schüren würde.

 

Mitten im Leben da


Die katholische Kirche gestaltete daraufhin das Fronleichnamsfest erst recht feierlich, wohl im Bewusstsein, das religiöse Empfinden von vielen Gläubigen zu berühren.


Vor diesem Hintergrund wurde es vielerorts tatsächlich als eine Art katholische Machtdemonstration gegenüber den Protestanten verstanden. In der heutigen Praxis dürften diese konfessionellen Auseinandersetzungen keine Rolle mehr spielen. Sie spiegeln in keiner Weise die Bedeutung des Festes wider. Vielmehr ist es ein Bekenntnis dazu, dass das in Jesus Fleisch gewordene Wort Gottes unter uns Wohnung genommen hat und dass Christus mitten in unserer Lebenswelt gegenwärtig bleibt.

Pater Martin M. Lintner
Pater Martin M. Lintner
© Pater Martin M. Lintner
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