Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
Die Telefonnummer ist richtig getippt. Und doch hebt wieder niemand ab. Ob ich etwas falsch verstanden habe? Ein einziges Mal probiere ich es noch, danach werde ich einen neuen Weg suchen. „Wall.“ Hurra, es ist ein Mensch am anderen Ende der Leitung! Und ja, es ist eine Leitung, kein Mobilfunknetz. „Haben Sie eine Handynummer?“, frage ich am Schluss des kurzen Gesprächs, in der Hoffnung, den Pfingsterbauer in Engerwitzdorf beim nächsten Mal leichter zu erreichen. „Nein“, kommt zur Antwort. Nein? Damit habe ich nicht gerechnet. „Aber ich bin da, wenn Sie kommen“, lautet die Zusage. Na gut, jetzt heißt es vertrauen.
Es sind die Hühner, die mich neben dem weißen Vierkanthof begrüßen, als ich auf der verschlungenen Straße nach Hohenstein 2 komme. Tiere und Menschen haben hier eine Aussicht vom Unteren Mühlviertel bis in die Alpen. Doch auf welcher Seite des Hauses finde ich nun den Haupteingang? Ein schlanker Mann mit blauer Latzhose und rotem Shirt winkt mir zu und rät mir, die Fenster des kleinen Leihwagens trotz der Hitze lieber zu schließen. „Die Hühner sind neugierig“, meint er vorsorglich.
Einige Minuten später spazieren wir an der Straße weiter hinunter auf ein kleines Wäldchen zu. „Da sehen Sie schon das Kircherl!“, weist mich sein Besitzer auf einen roten Dachreiter hin, der zwischen den Bäumen durchblitzt. Ich muss mich bemühen, ihn zu erkennen, so versteckt ist das Ägidikircherl, das seit etwa 1786 dem Pfingsterbauern gehört. Joseph II. ließ die Filialkirche profanieren, weil von hier aus drei Pfarrkirchen fußläufig zu erreichen sind – in 5, 6 bzw. 7 Kilometern Entfernung. Das galt als zumutbar. Die benachbarten Pfingsterbauern wollten das Kirchlein nicht verfallen lassen und kauften es.
Johann Ägidius Wall ist die 200 Meter vom Bauernhof zur Kirche schon als Kind immer wieder gegangen. Damals kümmerte sich noch sein Großvater darum, dass die Kirche sauber war, wenn an den Sonntagnachmittagen Leute aus der Umgebung zum Rosenkranzgebet kamen. Der jetzige Pfingsterbauer begleitete ihn gern. Die Nähe zum Kircherl, das 1519 zum ersten Mal in einem Schriftstück erwähnt wird, aber mit seinen romanischen Anteilen noch älter ist, erweckte in ihm das Interesse an der Kunst. An Sonntagen, wenn der Vollerwerbsbauer auf dem Hof mit 30 Rindern, 10 Schweinen, 20 bis 30 Hennen und viel Wald nur das Nötigste erledigt, setzt er sich zu seinen Büchern und liest alles über Kunstschätze in Österreich und anderswo. „Da sehe ich, wo eine schöne Kirche, Burg oder Landschaft ist.“ Internet braucht er dafür keines.
An so manchem Sonntag begibt er sich auf „Kirchentour“, wie letzten Sonntag ins benachbarte Mostviertel nach Niederösterreich. Biberbach, Haidershofen, die Marienwallfahrtskirche in Ernsthofen und noch ein paar andere Kirchen hat er besucht. Die Kunstwerke zu sehen, macht ihn glücklich, erzählt er.
Mit dem heiligen Ägidius verbindet Johann Wall nicht nur das Kirchlein im Familienbesitz, sondern auch der zweite Vorname. Ägidius war ein Einsiedler in einer Höhle in Südfrankreich und ernährte sich von der Milch einer Hirschkuh, weshalb er als Patron der stillenden Mütter gilt. Als der König der Westgoten eines Tages auf Jagd ging, hätte er beinahe die Hirschkuh erlegt, wenn sich Ägidius nicht schützend vor sie gestellt hätte. Aus Reue stiftete der König der Legende nach ein Kloster, dessen erster Abt Ägidius wurde. Im Ägidikircherl hält Ägidius am Hochaltar schützend seine Hand über die Hirschkuh.
Plötzlich stecken ein Vater und sein Sohn die Köpfe in die Ägidikirche. „Wir haben beim Vorbeifahren gesehen, dass die Kirche offen ist. Da wollten wir gleich hereinschauen“, erklärt der Vater und erzählt, dass vor zehn Jahren im Raum stand, den Buben hier taufen zu lassen. Aus verschiedenen Gründen wurde es dann aber doch die Pfarrkirche.
Kommenden Sonntag gibt es wieder eine Taufe im Ägidikircherl, und am Samstag eine Hochzeit. Johann Wall sorgt dafür, dass die Kirche rein ist und Parkflächen freigemäht sind. „Es ist ein Gottesdienst, die Kirche zu erhalten“, meint er. So wie es seine Vorfahren getan haben und die Nachkommen seiner Geschwister es vielleicht weiterführen werden. Seine Aufgaben am Hof und im Kircherl schenken ihm Seelenfrieden. „Gott ist der Chef im Leben“, sagt der Pfingsterbauer, und es fällt nicht schwer, ihm das zu glauben.
in Besitz von Johann Ägidius Wall, Pfingsterbauer
erstmals urkundlich erwähnt 1519
dem heiligen Ägidius geweiht
in Engerwitzdorf/OÖ, bei Hohenstein 2
Die Bundeshymne lobt Österreich als Land der Dome. Österreich ist aber auch ein Land der Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze. Die privaten „Gotteshäuschen“ bestehen nur, weil Menschen sie hegen und pflegen. Warum sie das tun, erzählt die 6-teilige Sommerserie der österreichischen Kirchenzeitungen.

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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