Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Sie haben erforscht, dass in den Bibeltexten, die in katholischen Gottesdiensten gelesen werden, weniger Frauen vorkommen als in der Bibel. Viele Stellen wurden gestrichen oder gekürzt. Stand da Absicht dahinter oder gab es bei der Auswahl in den 1960er-Jahren kein Bewusstsein dafür?
Annette Jantzen: Die Leseordnung ist mit guten Vorsätzen erstellt worden, sie hat eine Menge Gutes gebracht: Dass jetzt mehr Erstes Testament gelesen wird und dass überhaupt viel mehr Bibel im Gottesdienst vorkommt. Das war ein Fortschritt, aber er hat nach 2000 Jahren Frauendiskriminierung stattgefunden. Insofern waren Frauen nicht mehr als Hauptakteurinnen vorstellbar. Es war klar: Das ist eine Männergeschichte. Entsprechend wählt man dann aus, und das verstetigt sich dadurch wieder.
Es war also ein blinder Fleck?
Jantzen: Ja, man dachte, Mose ist wichtig und Miriam nicht so. Teilweise ist es ignorant, zum Beispiel, wenn man Frauen ihre wörtliche Rede streicht. Dass man Texte aus dem Gesamtkonvolut der Bibel nicht als bedeutend wahrnimmt und sie deswegen nicht auswählt, ist das eine. Aber dass man an einen Text aus der Bibel herangeht und aus dem etwas herausstreicht, da zeigt sich eine Missachtung, die ich schwer nachvollziehen kann.
Wurde bei direkter Rede von Männern weniger gekürzt?
Jantzen: Man muss sagen, insgesamt haben die männlichen Figuren der Bibel den meisten Redeanteil. Aber der Frauenanteil ist nicht so klein, wie er in der Leseordnung für die katholischen Gottesdienste übrigbleibt. Es wird sowohl bei Männern als auch bei Frauen gekürzt, aber bei Männern fallen dadurch eher ihre Schattenseiten weg. Bei Frauen fällt das weg, was sie interessant macht. Die Frauenfiguren werden durch die Kürzungen flacher, böser, uninteressanter.
Pfingsten steht bevor – das Apostelfest. Die Apostel waren Männer. Wie soll man den Blickwinkel auf dieses Fest ändern?
Jantzen: Wenn Sie sagen, die Apostel waren Männer, ist das eine Interpretation. Es gibt nämlich verschiedene Apostelbegriffe und verschiedene Gruppen, die wir meistens vermischen. Es gibt den Kreis der Zwölf. Er ist das Zeichen für die zwölf Stämme Israels. Es gibt den Kreis der Jünger:innen. Und es gibt den Kreis der Apostelinnen und Apostel. Die Konzepte sind unterschiedlich. Paulus versteht unter einem Apostel etwas anderes als Lukas. Paulus bezeichnet sich selber auch als Apostel, obwohl er nicht zum Zwölferkreis gehört. Die Begriffe waren damals noch unscharf.
Was bedeutet das für Pfingsten?
Jantzen: Die erste Lesung am Pfingstsonntag ist aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 1 bis 11. Als der Tag des Pfingstfests gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Einige Verse vorher ist von der Nachwahl des Matthias in den Zwölferkreis die Rede. Da wird auch gesagt, wer „alle“ sind. Da sind auch Frauen dabei. Die muss man also dazudenken am Pfingstfest. In der Lesung hört man das nicht. Man denkt, das sind bestimmt die Jünger, ist gleich zwölf Apostel. Das ist normal, wenn man Geschichten über eine lange Zeit weitererzählt. Aber wenn man damit Kirchenpolitik macht, muss man schon genauer in den Text schauen.
Braucht es eine neue Leseordnung?
Jantzen: Ja. Die Frauenkommission der Diözese Linz hat übrigens schon eine erarbeitet – die Frauenleseordnung für die Sonntage. Im Allgemeinen müsste man anfangen, die unseligen Kürzungen wegzulassen und die Texte vollständig zu lesen. Das heißt: die Bibel für relevanter zu halten als die Leseordnung. Es begegnet mir, dass Amtsträger, auch Bischöfe, die Defizite der Leseordnung klar sehen. Also zum Beispiel, dass aus der Hagar-Perikope das Gottesbekenntnis herausgestrichen worden ist: „Du bist der Gott, der mich sieht.“ Das ist ein Spitzensatz der Bibel. Aber sie sehen sich trotzdem nicht in der Lage, für ihren Gottesdienst oder für ihre Diözese das zu ändern. An der Stelle sieht man, dass eine liturgische Vorschrift für wichtiger gehalten wird als der Text der Bibel. Man müsste also anfangen, diese Kürzungen zurückzunehmen. Danach müsste man die Auswahl neu angehen, sodass an den Sonntagen viel mehr Geschichten in einem Zug gelesen werden. Die Texte aus dem Ersten Testament sind derzeit immer ausgewählt auf das Evangelium hin, nicht aufeinander aufbauend. Und es müssten wesentlich mehr Frauen vorkommen. Manchmal kommen Leute mit Sätzen wie: Jesus hat sich auch Minderheiten wie Frauen zugewandt. Dann muss man erst einmal klarstellen, dass Frauen keine Minderheit sind.
Wie können Katholik:innen damit umgehen, wenn sie in der Messe die Schriftlesungen hören?
Jantzen: Ich höre oft, naja, eine Leseordnung wiegt nicht so schwer, weil heute alle alles in der Bibel lesen können. Aber die Auswahl prägt. Ich fände es wünschenswert, wenn die Lektorinnen und Lektoren ihr Amt aufwerten würden. Und sich treffen, nicht nur um zu schauen, wer wann im Gottesdienst liest, sondern auch, um zu schauen, was da gelesen wird. Verstehen wir die Texte? Wie ist denn die Auswahl? Fehlt etwas? Und warum? Das heißt, mehr Transparenz hineinzubringen. Viele Menschen wissen nicht einmal, dass das Buch, das da hereingetragen wird, nicht die Bibel ist. Oder dass man die Geschichten tatsächlich alle in der Bibel nachlesen kann. Gibt es eine ungekürzte Bibel? Da braucht es Transparenz. Was wir lesen, ist eine Auswahl.
Wie sind Sie denn auf das Thema der Leseordnung gestoßen?
Jantzen: In meinem Blog, gotteswort-weiblich.de, biete ich für Sonntagslesungen eine geschlechterfaire Perspektive. Nachdem ich alle Lesejahre durch hatte, ist mir aufgefallen, dass ich viele Texte nie gelesen hatte. Dann bin ich darauf gestoßen, wie die Leseordnung mit Hagar umgeht. Ich habe es für einen Druckfehler gehalten, dass der wichtigste Satz gestrichen ist. Mein Entschluss stand fest: Die Leseordnung schaue ich mir genauer an. Und ich bin fündig geworden. Deutlich mehr als gedacht.
Zum Bild: Frauen, Männer, Mutter Maria: Sie alle verharrten einmütig im Gebet (Apostelgeschichte 1,14). Das Gemälde eines anonymen portugiesischen Künstlers aus dem 16. Jahrhundert fängt den Moment ein, als der Heilige Geist die Menschen im Obergemach erfüllte. Viele andere Bilder zeigen entweder nur die Gottesmutter Maria mit den Aposteln oder lassen auch diese weg.
Die Autorin Annette Jantzen verwendet die Begriffe „Erstes Testament“ und „Zweites Testament“ statt „Altes“ und „Neues Testament“. Diese Sprechweise wird immer üblicher. Sie soll ausdrücken, dass das „Alte Testament“, das den Großteil der Bibel bildet und die hebräischen Schriften aus der Zeit vor Christi Geburt enthält, nicht veraltet und durch ein später entstandenes „Neues Testament“ überholt ist, sondern dass die beiden zusammengehören.
Lange Entstehungszeit
Die einzelnen Bücher des Ersten und Zweiten Testaments entstanden über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren, der im 2. Jahrhundert nach Christus seinen Abschluss fand. Welche Schriften genau zur Bibel gehören und welche nicht, wurde teilweise bis ins Mittelalter diskutiert. Heute bildet ein „Kanon“ von Schriften die Bibel, der festlegt, welche Bücher Teil davon sind.
Bibel als heikle Lektüre
Die Lektüre der biblischen Schriften war aus verschiedensten Gründen in der katholischen Kirche nicht weit verbreitet. Gegen Bibelübersetzungen herrschte Misstrauen, weil jede Übersetzung eine gewisse Interpretation bzw. Sinnveränderung mit sich bringt. Teilweise landeten Bibelübersetzungen sogar auf dem Index der verbotenen Bücher. Viele Menschen konnten außerdem nicht lesen. Dass infolge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils seit den 1960er-Jahren insgesamt mehr verschiedene biblische Texte und insbesondere mehr Texte aus dem Ersten Testament in katholischen Gottesdiensten gelesen werden, bedeutet vor diesem Hintergrund einen großen Schritt.
Die Sonntagslesungen selektieren
Dennoch gibt es zahlreiche Texte, die nie in der Leseordnung vorkommen und noch mehr, die nie in den Sonntagsgottesdiensten vorgetragen werden. Die katholische Theologin und Autorin Annette Jantzen belegt, dass Schriftstellen (Perikopen) über Frauen häufiger ausgelassen oder gekürzt wurden als Schriftstellen über Männer, wodurch die ohnehin vorhandene Männerdominanz in der Bibel weiter verstärkt wird. Die Auswahl der Schriftstellen für den Gottesdienst ist nicht unveränderlich, wenngleich eine weitere Reform mit hohem theologischem Aufwand verbunden wäre.
Annette Jantzen: Die ignorierten Frauen der Bibel – Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Verlag Herder 2026, 304 Seiten,
Hardcover 24,70 € | eBook 18,99 €

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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