So empfinden es viele: Nicht die Kommandobrücke ist der Platz, von dem aus Papst Franziskus agiert, sondern die Mitte des Volkes. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Das war ein gutes erstes halbes Jahr, seit aus dem hierzulande den meisten unbekannten Jorge Mario Bergoglio Papst Franziskus geworden ist. Eine kaum mehr erhoffte Offenheit ist in die Kirche eingekehrt. Auch wenn sich Franziskus – wie Kardinal Kurt Koch meinte – in seinen theologischen Aussagen von seinem Vorgänger gar nicht so sehr unterscheidet, so entstand doch eines neues, hoffnungsvolles Klima. So empfinden es viele: Nicht die Kommandobrücke ist der Platz, von dem aus er agiert, sondern die Mitte des Volkes. Wenn sein neuer Staatssekretär Pietro Parolin das Zölibatsgesetz nicht als Tabu betrachtet, sondern vom Priestermangel als einem Problem spricht, das Lösungen braucht, so ist damit ein Damm gebrochen. Es ist gut, wenn Christinnen und Christen sich mit ihren Sorgen zu Wort melden. Die Welt mit ihren gewaltigen Spannungen braucht Christen, denen mehr am Wohl der Menschen gelegen ist, als dass sie sich von der Angst um eine Verletzung der Kirchendisziplin leiten lassen. Zugunsten des Nächsten darf man viel riskieren. Mit der Öffnung allein ist nur eine Tür aufgestoßen – durch die man auch gehen muss. Was hilft eine offene Kirche, wenn die Menschen ihre Herzen verschlossen halten?