Eine Geste, eine Geschichte, ein Geruch: Von lieben Menschen bleiben oft verschiedene Bilder in Erinnerung, wenn sie nicht mehr unter uns leben. Was wird von mir bleiben? Ein Unter Uns von Christine Grüll.
Ausgabe: 2013/39, Unter Uns
25.09.2013
- Christine Grüll
Unser Sohn fotografiert mich und sagt zufrieden: „Damit ich ein Bild von dir habe, wenn ich groß bin und du gestorben bist.“ Mein geschmeicheltes Lachen bleibt mir im Hals stecken. Ich habe nicht so schnell vor, das Zeitliche zu segnen. Andererseits sieht er mit seinen sieben Jahren den Tatsachen ins Auge. Auch mein Leben ist endlich. Das Foto unseres Sohnes lässt mich darüber nachsinnen, ob ich die Erinnerung an mich schon jetzt ein wenig beeinflussen könnte. Meiner Großmutter ist das gelungen. Dabei ging es nicht darum, WIE wir uns an sie erinnern, sondern WANN. Dafür hat sie folgenden Wunsch geäußert: Wer ein scharfes Messer mit der Klinge nach oben liegen sieht, solle an sie denken. Das ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Sie war die Besitzerin einer Fleischhauerei, und scharfe Messer lagen zuhauf herum. Ihr Wunsch hat zweierlei erreicht. Erstens ist unsere Küche sicherer, weil scharfe Klingen so schnell wie möglich außerhalb der Reichweite hantierender Hände gebracht werden. Und zweitens denke ich wirklich oft an sie.