Dem Herbst haftet Vergänglichkeit an – dass es spät geworden ist – und dass es auch ein Zu-Spät geben kann. Das spürt man – in dieser Jahreszeit mit den Tagen, die einem noch bleiben. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/40, Leitartikel, Herbst
01.10.2013
- Matthäus Fellinger
„Endlich ist er da – der Herbst!“ Kaum wird man diesen Satz jemals zu Gehör bekommen. Vom Frühling sagt man es sehr wohl. Er wird herbeigesehnt. So schön er auch sein mag, der Herbst, so wünscht man sich doch: er soll sich noch Zeit lassen. Für den Herbst ist es noch immer früh genug. Es ist die Jahreszeit des Zu-Ende-Gehens. Vergänglichkeit haftet ihm an – dass es spät geworden ist – und dass es auch ein Zu-Spät geben kann. Das spürt man – in dieser Jahreszeit mit den Tagen, die einem noch bleiben. Der jährliche Herbst ist wie ein Glaubenskurs, den die Natur für das Leben bietet. Die auf den Herbst des Lebens zugehen, spüren es. Die Leichtigkeit des Lebens- sommers möge noch bleiben, hoffen sie. Er soll sich Zeit lassen – der Herbst mit seinen späten Jahren, in denen es kahl wird auf dem Acker der vielen Möglichkeiten. Viele sagen dann aber auch – wenn er da ist: Er ist die schönste Jahreszeit. Vom gewöhnlichen Herbst sagen sie es, und manche auch von den Herbstjahren des Lebens. Menschen sind es, die gut im Geben, nicht im Festhalten waren. Ihre Lebensernte sehen sie nicht in den gefüllten Scheunen, sondern in denen, die auch geleert wurden.