Wann ist er denn endlich fertig – mit der Lehre, dem Studium? Als wäre nur der voll ausgebildete, als Persönlichkeit abgerundete Mensch ein vollständiger Mensch. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/42, Leitartikel
15.10.2013
Fertigpizza. Fertighäuser. Ans Fertige haben sich Menschen gewöhnt. So praktisch! So schnell! Jetzt bleibt – sagen sie – Zeit für die wichtigen Dinge, für das Wesentliche. Aber nichts und niemand kommt fertig auf die Welt – und geht auch nicht „fertig“ aus derselben. Man kann nicht, kaum ist ein Ei gelegt, schon das Küken aus der Schale schlagen. Es braucht die Zeit des Brütens – und die Nestwärme dazu; ein Klima, in dem sich Dinge entwickeln. Bei menschlichen Angelegenheiten ist es auch so. Wann ist er denn endlich fertig – mit der Lehre, dem Studium? Als wäre nur der voll ausgebildete, als Persönlichkeit abgerundete Mensch ein vollständiger Mensch. Im Unfertigen schon das Wunder des Ganzen zu erkennen: glücklich der Mensch, der die Gabe dazu hat. Es hat sich nie fertig gelebt, es ist immer ein Werden. Gegen den Zug zum Fertigen gilt es die Zeit des Brütens zurückzuerobern – und die Geduld dazu. Die Augen der Liebe nehmen es wahr – wie sonst wäre die unermessliche Freude an Neugeborenen zu erklären – wo alles so unfertig ist? Wer nur Vollkommenes – und die Vollkommenen – gelten lässt, hat das Wesentliche versäumt. Er wartet darauf, und er hat es nur nicht erkannt.