Mit dem Schönen und Guten ist es so wie mit der Gurke: irgendwann hat man keine Lust mehr darauf. Alles hat seine Zeit. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/43
22.10.2013
Seit Tagen liegt sie am Fensterbrett. Eine schön gewachsene Salatgurke, gerade noch geerntet vor dem ersten Frost. Aber eigentlich ist die Zeit der Gurken vorbei. So bleibt sie liegen. Morgen vielleicht. Vor einem Vierteljahr wäre es anders gewesen. Die erste Gurke wurde sehnsüchtig erwartet. Jetzt kann man sie pflücken. Endlich. Endlich! Dass alles endet. Sogar die Lust auf Gurke. Das ist das Problem, mit dem Menschen schwer zurechtkommen. „Ist das nicht ein wunderbares Leben“, fragt ein eher banales Lied – und kommt in der dritten Strophe zum Schluss: „Alles Schöne geht einmal vorüber.“ Da haben wir es wieder. Dieses Vorübergehen, das Enden. Aber man stelle sich vor: nicht nur das Schöne, auch die Probleme fänden kein Ende, all die schlimmen, traurigen Sachen. Mit dem Schönen und Guten ist es so wie mit der Gurke: irgendwann hat man keine Lust mehr darauf. Alles hat seine Zeit. Sie kommt, sie geht. Ist das nicht eine wunderbare Salatgurke, die einem, auch wenn sie innerlich vermutlich schon wässrig schmeckt, doch davon erzählt, wie Dinge wertvoll werden, weil sie endlich sind? Und auch davon: dass es im nächsten Jahr frische Gurken geben wird. Endlich.