Was macht ganz normale Menschen zu Massenmördern? Es braucht bestimmte soziale Bedingungen, damit letzte moralische Schranken fallen. Darauf weist Horst Dieter Schlosser in seinem Buch „Sprache unterm Hakenkreuz“ hin. Die Sprache bereitete die Enthemmung zu töten in der NS-Zeit vor. Die Opfergruppen – Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Slawen und Farbige – wurden in einer langen sprachlichen Tradition schon vor 1933 entindividualisiert. Sprache geht der Gewalt voraus. Das betrifft besonders den Antisemitismus und die Ideologie der Rassenhygiene. Die Juden wurden zu „Untermenschen“. Zynisch verschleierten harmlos klingende Worte Tatsachen: Deportationen wurden als „Wohnsitzverlegungen“ bezeichnet. „Evakuierung“ wurde genannt, was Vernichtung meinte, „Auszusiedelnde“ hießen die in Vernichtungslager Abzutransportierenden.
Horst Dieter Schlosser, Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus, Böhlau Verlag, 2013, 423 Seiten, ISBN 978-3-412-21023-6, € 35.90.