Es soll nicht umsonst gewesen sein, was unsere Vorfahren erlebt und oft auch erlitten haben. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/45, Leitartikel, Reichspogromnacht
06.11.2013
In der Mehrzahl sind es die Kinder und die Enkelkinder, bei denen das Gedenken heute liegt. Die Zeugen selbst sind wenige geworden. Wie hält man die Erinnerung an ein Ereignis wie die Reichspogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 wach – oder an die vielen anderen Ereignisse, von denen die Menschen sich so fest vorgenommen haben „Nie wieder soll so etwas geschehen“? Es gab Zeiten und Kulturen, in denen man auf die „Ahnen“ viel mehr hörte als in unserer gegenwartsverliebten Epoche. Da geht es gar nicht um Ahnenkult, sondern um ein Hören auf die Erfahrung der Generationen zuvor. Es soll nicht umsonst gewesen sein, was sie erlebt und oft auch erlitten haben. Wer auf die Erfahrung der Ahnen hört, wird eine bessere Ahnung von Zukunft haben. Man muss nicht jede Erfahrung selbst gemacht haben, um ihr Gewicht für das eigene Leben zu geben. Ein Empfinden über die Zeit hinaus ist das. Dass Menschen alt werden können, ohne je einen Krieg selbst erleben zu müssen, hat es viele Jahrhunderte in Mitteleuropa nicht gegeben. Dass wir Zeitzeugen des Friedens sein können, ist das wichtigste Exportgut, das Europa anzubieten hat – in die Welt hinaus und über die Zeit hinaus. Kinder und Enkel sollen davon leben.