Was haben Goethes "Faust" und das apostolische Schreiben des Papstes miteinander zu tun? Ein Unter uns von Josef Wallner.
Ausgabe: 2013/49, Unter Uns
04.12.2013
- Josef Wallner
Der „Faust“ ist Goethes berühmtestes Werk. Ein Klassiker, Weltliteratur. Nur ziemlich umfangreich – zu allem Unglück für jene, die nicht viel Zeit zum Lesen erübrigen wollen. Ein wichtiger Strang der Handlung, die Gretchentragödie, lässt sich natürlich extrem kurz fassen. Jene unglückliche Liebesgeschichte, die Goethe über hunderte Verse ausbreitet, lautet auf einen Nenner gebracht: Mutter lebt, Kind tot. Doch die Verknappung nimmt Goethes Faust alles, was seinen Reiz ausmacht. Wie anders doch in der katholischen Kirche. Beim Umgang mit langen Texten hilft uns Gott sei Dank die Tradition. Das erste, vor wenigen Tagen veröffentlichte apostolische Schreiben von Papst Franziskus ist 256 Seiten lang. Wer sich in den Text vertiefen möchte, soll nicht abgehalten werden. Die Mühe lohnt sich. Aber das Schöne an kirchlichen Dokumenten ist, dass sie seit jeher an jene denken, die knapp bei Lesezeit sind. So fassen wichtige päpstliche Verlautbarungen stets in den Anfangsworten den gesamten Text zusammen. „Evangelii Gaudium“ beginnt Papst Franziskus. Wer die „Freude des Evangeliums“ spürt, dankbar annimmt, lebt und weitergibt, hat kapiert, was der Papst auf den folgenden 255 Seiten sagen will. Ein Lob auf die katholische Kürze.