Menschen wünschen einander eine besinnliche Weihnachtszeit. Dann hasten sie fort, um woanders Besinnlichkeit zu wünschen. Ein Unter Uns von Ernst Gansinger.
Ausgabe: 2013/50, Unter Uns, Stille
11.12.2013
- Ernst Gansinger
„Ich wünsche Dir Zeit zum Innehalten“, steht in einer Advent-Mail. Wo immer einander Menschen begegnen, sie wünschen sich jetzt eine besinnliche Zeit. Gleich danach hasten sie fort, um auch woanders Besinnlichkeit zu wünschen. In einem Brief lese ich, wie gut es tut, einmal nur bei sich zu sein. Dieser Zuspruch ist eingebettet in einem Meer von Hinweisen, wie die besten Weihnachtskekse gelingen. – Backen muss ich also auch! – Viel drückt gegen die Tür, hinter die ich mich zum Bei-mir-Sein zurückziehen wollte: ein Ereignis dort, ein Wiedersehen nach langer Zeit da, ein Christkindlmarkt im Vorbeigehen, Bratwürstel zum Drüberstreuen ... Die Botschaft des Redens und die Botschaft des Handelns liegen im Advent weit auseinander. So drohen stille Weihnachten auf ganz andere Art. Denn es wird vielerorts kaum mehr Sätze geben, die noch gesprochen werden können, ohne dass sie nach dem Lärm der beschworenen Stille klingen. Und kaum mehr Lichter, die nach dem Glitzern und Blinken im Advent von den gereizten Augen noch gesehen werden. Auch ich laufe, schreibe, wünsche, habe kurze Zeiten Zeit, rede von Stille. Werde ich wenigstens zu Weihnachten bei mir sein? Oder wird dies ein ungemütlicher Platz sein, weil es in mir weiter lärmt und glitzert?