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Liebe und Überfürsorglichkeit

Karin lebt zurückgezogen im Haus ihrer bereits verstorbenen Mutter. Sie hat dauernd Ängste und mag nicht unter Menschen gehen.
Ausgabe: 2017/21
23.05.2017
- Andrea Holzer-Breid
Als Kind wurde Karin viel von ihrer Mutter ermahnt: „Setz eine Haube auf, sonst verkühlst du dich!“, oder: „Steig nicht auf den Baum, sonst fällst du herunter!“ oder: „Mit diesen Kindern darfst du nicht spielen, die ­haben einen schlechten Einfluss auf dich!“ Karin blieb an ihre Mutter gebunden. Sie entwickelte kein eigenes Leben, stattdessen hat die Angst in ihrem ­Leben die Regie übernommen.

Liebe ist Fürsorge und Loslassen


Karins Mutter hat Liebe mit Überfürsorglichkeit verwechselt. Zuwendung, Unterstützung und Fürsorglichkeit sind ein Teil der Liebe, der andere Teil heißt Loslassen und Freigeben.
Schon sehr früh haben Kinder das Bedürfnis, ja den Auftrag, ein Individuum zu werden, ein eigenständiger Mensch, der sich von allen anderen (auch von seiner Mutter) unterscheidet.
Je mehr sich die Mutter um das Kind sorgt, umso schlechter kann sich dieses später von ihr ablösen oder umso heftiger muss die Ablösung sein.

Entscheidungsbereiche der Kinder


Jesper Juul (in: „Das kompetente Kind“) definiert vier Bereiche, die Kinder selbst entscheiden können müssen, damit sie sich zu selbstsicheren und selbstverantwortlichen Menschen entwickeln können: - Essen,
- Schlafen,
- Haare,
- Kleidung.

Schritte des Loslassens


Auch wenn man als Mama vielleicht Angst um sein Kind hat, ist es wichtig, dass dieses auf Bäume klettern darf, dass es allein oder mit Freunden in die Schule geht, dass es einen Konflikt mit der Freundin alleine löst und seine Hausaufgaben alleine macht. Wenn das Kind in die Pubertät kommt, ist es notwendig, dass es sein Zimmer alleine zusammenräumt und putzt, dass es alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann, Hausarbeiten übernimmt, Konflikte mit dem Lehrer alleine löst und ein einfaches Essen kochen kann. Eltern, die (zu viel) Angst um ihr Kind haben, können ihrem Kind Freiraum geben, indem sie in beängstigenden Situationen bewusst den Blick vom Kind wegnehmen, evtl. weggehen, tief durchatmen, vielleicht Gott bitten, dass alles gut geht, und sich innerlich ein positives Bild vorstellen. Kinder brauchen für ihre Entwicklung ein gewisses Maß an Unterversorgung und Frustration. Nur wenn nicht alles zur Verfügung steht und durch so manche Herausforderung wachsen sie und leben ihr Leben, nicht das der Mutter. « Bei Fragen und Problemen wenden Sie sich an: Beziehung Leben, Partner-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, Tel. 0732/77 36 76.
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