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Im Tempel der verbotenen Bücher

Der Parthenon in Athen war Tempel, Kirche und Moschee. Jetzt wurde er aus verbotenen Büchern in Kassel errichtet – als Monument für die Freiheit der Gedanken.
Ausgabe: 2017/25
20.06.2017
- Christine Grüll
Bücher sind immer unter den ersten Opfern, die eine Diktatur fordert. Sie werden verboten, verbannt und verbrannt. Das geschriebene Wort besitzt eine Kraft, die den freien Gedanken beflügelt. Das lässt sich mit Ideologien, die Menschen klein halten wollen, nicht vereinbaren. Marta Minujín hat das während der Diktatur in Argentinien erfahren. Nach deren Ende 1983 hat die Künstlerin das verarbeitet: Sie hat eine Stahlkon­struktion mit tausenden Büchern bestückt, die während des Regimes verboten waren. Für die internationale Kunstausstellung „documenta 14“ im hessischen Kassel hat sie ihre Arbeit wieder erstehen lassen. 

Schwebende Bücher


Im Licht der Scheinwerfer scheinen die Bücher zu schweben. Folien und Kabelbinder halten sie im Rahmen eines Gerüsts, das dem griechischen Parthenon auf der Akropolis in Athen nachgebildet ist. Dieser wurde als Tempel zu Ehren der Göttin Pallas Athene errichtet. Später wurde er zur Kirche, der Jungfrau Maria geweiht, und schließlich in eine Moschee umgewandelt. Als „Parthenon der Bücher“ besteht er aus Titeln, die einmal verboten waren oder in manchen Ländern verboten sind. Darunter ist die Bibel oder das „Tagebuch der Anne Frank“, ermordet von den Nationalsozialisten. Daneben hängen Micky Mouse-Hefte. Ihr Besitz war in der Deutschen Demokratischen Republik untersagt. 

Ausbeutung und Willkommenskultur


Die „documenta“ findet alle fünf Jahre statt, heuer zum vierzehnten Mal. In Parks und Museen, in Gängen unter der Erde und hoch oben auf Türmen sind Arbeiten von Künstler/innen zu entdecken. Als einer der roten Fäden zieht sich die Kritik an Ausbeutung und Unterdrückung durch die Stadt. Auf dem Königsplatz hat der Künstler Olu Oguibe einen Obelisk, eine Säule aus Beton errichten lassen. Darauf ist ein Satz aus dem Matthäus-Evangelium zu lesen. Er erinnert an Flucht und deren hoffnungsvolles Ende: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich aufgenommen.“ www.documenta14.de/de
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