Maria Fischer studierte Theologie und Philosophie. Sie ist Pastoralvorständin der Pfarre TraunerLand in der Diözese Linz.
Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie im Herbst 2023 von Papst Franziskus in das theologische Beraterteam der Synode über die Synodalität berufen wurden?
Univ.-Prof. Klara Csiszar: Es hat sich eine katholische Welt aufgetan, die ich sehr faszinierend finde. Ich bin nun verstärkt mit einer Theologie konfrontiert, die nicht in Mitteleuropa entstanden ist. Es ist bereichernd, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Die Welt ist größer geworden und mein Arbeitsstil hat sich auch verändert.
Inwiefern?
Csiszar: Ich merke, dass es mir zunehmend schwerer fällt, alleine Entscheidungen zu treffen. In meiner Funktion als Dekanin und Vizerektorin an der Katholischen Privat-Universität Linz habe ich das Bedürfnis, mehr Rücksprache zu halten, mehr die Studierenden und mehr die Kolleginnen und Kol-legen mit einzubeziehen. Auch wenn ich manchmal in mir Ungeduld spüre, weil Prozesse langsamer werden, ist es beeindruckend, zu welchen Ergebnissen wir kommen – auf das, worauf man alleine nie kommen würde. Bei der Synodalität geht es um eine Abkehr vom Ich hin zu einem Wir.
Was hat Papst Franziskus mit der Thema Synodalität angestoßen?
Csiszar: Ich übersetze Synodalität mit dem Bemühen um ein gutes Miteinander. Sie ist ein Ringen um Antworten auf Fragen, die vom Leben her, sei es von der Kirche her oder von unseren Gesellschaften her, gestellt werden. Auch wenn unsere Fragen in Europa nicht deckungsgleich mit den Fragen der Menschen aus Asien, Afrika, Südamerika oder Nordamerika sind, zeigt das unsere Einheit, wenn wir einander zuhören und uns voneinander inspirieren lassen. Und ich denke, diese Art des Umgangs miteinander hat auch ein enormes Friedenspotenzial: Wenn wir nicht übereinander reden, sondern miteinander im Gespräch sind.
Was ist das Neue, das Papst Franziskus mit der Synodalität in die Kirche gebracht hat?
Csiszar: Das Zweite Vatikanische Konzil hat eine wunderbare Volk-Gottes-Theologie entwickelt. Jetzt geht es darum, diese zu Ende zu denken und zu überlegen, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Das ist einmal das Ringen, wie Synodalität und Hierarchie zusammengehen können und wie die Beteiligung aller möglich ist. Da kommt die Neuentdeckung der Taufwürde aller Gläubigen ins Spiel. Und die Frage, wie Kirche aus dieser Taufwürde heraus gestaltet werden kann.
Wie kann diese Konkretisierung des Konzils in der Kirche ihren Niederschlag finden?
Csiszar: Ein so großes Schiff wie die Kirche voranzubringen, ist gar nicht so einfach. Das braucht viel Geduld, viel Zeit und viele, viele Erfahrungen des Miteinanders. Aber eines ist klar: eine synodale Kirche ist nicht nur mehr die Wunschmusik von einigen, sondern die Kirche synodal zu gestalten, ist ein vom Lehramt gegebener Auftrag – woran nun auch weltweit gearbeitet wird.
Sie sind ja in der Expertengruppe der Europäischen Bischofskonferenzen. Woran arbeiten Sie gerade?
Csiszar: Im Frühherbst wird es im Bildungshaus Schloss Puchberg ein dreitägiges Symposion über Synodalität in Europa geben, das sich um den Schlüsselbegriff „Wandlung“ drehen wird: ausgehend von der Liturgie geht es um den Wandel von Europa und um Kirchen-Wandlungen.
Eine häufig geäußerte Kritik an der Synode lautet, dass dort keine konkreten Änderungen wie zum Beispiel der Diakonat für Frauen beschlossen wurden. Warum nicht?
Csiszar: Mit zu schnellen Ergebnissen bin ich eher vorsichtig. Wenn bei der Synode in Rom über den Frauendiakonat abgestimmt worden wäre, wäre es ein negatives Votum geworden und das Thema wäre auf lange Zeit hinaus nicht mehr zu einer Abstimmung gestanden. So wird nach wie vor auf weltkirchlicher Ebene darüber gesprochen und zunehmend mehr wird weltweit in allen Regionen der Kirche die sogenannte Frauenfrage als wichtig, ja als virulent gesehen. Bei der Synode wurde überdies auch ein anderer Weg gewählt, um über Frauen und das Amt zu reden.
Welcher Weg?
Csiszar: Den Weg der existenziellen Betroffenheit von Frauen. Sie konnten in der Synode erzählen, warum sie sich berufen fühlen und fragen, warum sie nicht geweiht werden dürfen. Diese Frauen haben in Anwesenheit des Papstes viel Applaus bekommen. Für mich ist das ein Ergebnis. Ich weiß, für viele nicht, aber es geht Schritt für Schritt.
Die Synode zur Synodalität hat Papst Franziskus initiiert, könnte sie unter dem neuen Papst Leo XIV. wie eine Sternschnuppe verglühen?
Csiszar: Natürlich sind in Rom nicht alle Feuer und Flamme über diesen Kulturwandel, der gerade in der Kirche vor sich geht. Aber es ist etwas im Gange, was aus meiner Sicht nicht zu stoppen ist. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch Enttäuschungen mit einkalkuliere. Aber wir versuchen momentan neu zu buchstabieren, was es bedeutet, katholisch zu sein. Katholisch zu sein heißt nämlich nicht mehr, nur einen Regelungskatalog zu haben, sondern den Grundauftrag von Kirche zu leben, missionarisch zu sein.
Als Kritik am Prinzip der Synodalität wird auch formuliert, dass man zwar mitreden, aber nicht mitentscheiden kann. Wie sehen Sie das?
Csiszar: Mir geht es in erster Linie nicht um Entscheidungen, sondern mir geht es darum, wie wir künftig partizipatorisch Kirche sein können. Und zwar im Blick auf die Ärmsten dieser Welt. Manchmal denke ich, dass wir bei solchen Fragen wie der Entscheidungskompetenz zu sehr die Hierarchie vor Augen haben und nicht die Menschen, die sich tagtäglich für die Ärmsten einsetzen. Es wachsen Entscheidungen, wenn man synodal miteinander umgeht.
Was kann Synodalität für eine Diözese, konkret für Linz bedeuten?
Csiszar: Synodalität ist für mich ein gutes Miteinander, wo jede und jeder gesehen und wertgeschätzt wird. Und eingeladen ist, Kirche mitzugestalten. Linz hat hier eine gute Tradition. Ein schönes Beispiel wurde uns beim letzten Pastoralrat vorgestellt, eine Checkliste für synodales Handeln im Pfarrgemeinderat. Ich finde das sehr kreativ, man müsste diese Checkliste in die ganze Weltkirche hinaus streuen, weil nach solchen praktischen Dingen greift man ja sehr gerne. (Anmerkung: Die KIZ berichtete in Nr. 10 über die Arbeit der Synodengruppe der Diözese Linz.)
In den Dokumenten zur Synode findet sich immer wieder auch der Hinweis, dass Synodalität eine Form von Spiritualität ist, die bei jeder und jedem selbst beginnt. Was ist damit gemeint?
Csiszar: Das heißt nicht von allen anderen zu erwarten, dass sie synodal sein sollen, so sein sollen, wie ich mir das vorstelle. Für mich bedeutet das auch, dass ich Vertrauen und Aufmerksamkeit in Vorleistung bringe und nicht in der Erwartungs- und Forderungsposition auf die anderen zugehe. Diese Ansprüche kann ich nur mir gegenüber haben.
Zum Foto: Univ.-Prof. Klara-Antonia Csiszar war von Papst Franziskus berufene theologische Beraterin der Synode über die Synodalität. Damit die Anliegen der Synode nicht nur Papier blieben, sondern in der Kirche auch ihren Niederschlag finden, hat sie an der KU Linz eine Abteilung für Synodalität und eine School of Synodality eingerichtet. Sie gehört auch der „European Task Force of Synodality“ des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen an.

Maria Fischer studierte Theologie und Philosophie. Sie ist Pastoralvorständin der Pfarre TraunerLand in der Diözese Linz.
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