Für mehr als 90 Prozent der Österreicherinnen ist die Familie etwas ganz Wichtiges in ihrem Leben. Immer weniger aber entschließen sich für eine Ehe oder Kinder.
„Die Sozialforschung sagt uns, dass der Wunsch nach einem glücklichen Familienleben immer noch zu den wichtigsten Werten der Menschen zählt. Gleichzeitig zeigen uns Statistiken, dass es offenbar für die Menschen schwieriger wird, dieses Lebensziel zu verwirklichen“, meint die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, Margit Hauft. Unterschiedliche Rollenerwartungen zwischen den Geschlechtern, Bindungsscheue, steigender Druck am Arbeitsmarkt oder eine wenig kinderfreundliche Gesellschaft werden u. a. als Gründe für diesen Widerspruch genannt.
Suche nach neuen Wegen
Diese Entwicklungen sind der Hintergrund, warum die Katholische Frauenbewegung das „Familienleben“ besonders unter die Lupe nehmen will, sagt die kfbö-Vorsitzende Hauft. „Dabei wollen wir den Scheinwerfer vor allem darauf einstellen, wie Frauen ihre Lebensmöglichkeiten in der Familie sehen.“ Hauft spricht deshalb auch von einem „hörenden Jahresthema“. „Es geht uns nicht darum, bestimmte Familienbilder als Ideale an die Wand zu malen, sondern darum, die vielfältigen und durchaus konträren Wirklichkeiten unserer Mitglieder in den Gruppen zur Sprache zu bringen, über Gelingen und Enttäuschungen, über den Druck von Traumbildern und die Möglichkeiten von Veränderungen zu reden. Ich erwarte mir“, so Hauft, „mehr Toleranz für verschiedene Lebensentwürfe ohne ,Rabenmütter‘- und ,Heimchen‘-Etiketten und ich erhoffe mir ein wachsendes Bewusstsein für notwendige persönliche Haltungen und gesellschaftliche Veränderungen.“
„Familie ist zwar die Angelegenheit aller Beteiligten, doch sind gerade wir Frauen gefordert, neue Wege zu suchen, da wir bisher einen Großteil der Familien-und Beziehungsarbeit getragen haben und noch immer tragen“, betont Hauft. „Unser Ziel ist es, dass Frauen erkennen, dass Frausein und Familienleben kein Gegensatz sind, dass aber Familienleben im Frauenleben nur ein Teil ist, eine Lebensphase mit verschiedenen Stufen. Die Konstante ist das Frausein. Es gibt ein Leben vor und nach der Familie“, betont Hauft. Frauen, die ganz in der Familie aufgehen, täten sich ungemein schwer damit, dass die intensive Familienphase ein Ende hat und die Kinder losgelassen werden wollen. Auch Partnerschaft ist nur von selbständigen und eigenständigen Persönlichkeiten lebbar. „Es kann durchaus sein, dass eine Frau eine Zeit lang in der Familie aufgeht, sie sollte aber darin nicht untergehen. Das ,Ich-Bleiben‘ beim ,Wir-Werden‘ ist ein zentrales Anliegen, auf das wir den Blick der Frauen lenken wollen“, betont Hauft.
Motivation und MunitionVieles, was heute Frauen und Männer daran hindere, Familie so zu leben, wie sie es für sich und ihre Kinder möchten, seien gesellschaftliche Rahmenbedingungen. „Noch immer“, so Margit Hauft, „sind in den meisten Branchen Frauen schlechter entlohnt als Männer. Damit werden sowohl die Väterkarenz als auch eine gerechtere Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit deutlich erschwert. Noch immer werden Familienarbeit (Erziehung, Pflege, Haushalt) und Ehrenamt nicht voll genommen. Damit hängt die eigenständige Altersversorgung von Frauen ebenso in der Luft wie gerechte Wiedereinstiegschancen nach der Kinderpause“, nennt Hauft nur einige Beispiele. Deshalb soll das Jahresthema auch Motivation und Munition für das gesellschaftliche Engagement der Katholischen Frauenbewegung liefern.
Damit Familie lebbar ist
Bei der kfb-Sommerstudientagung 2002 formulierten die Teilnehmerinnen das Familienmanifest der Katholischen Frauenbewegung. Es enthält, durchaus plakativ formuliert, Positionen und Forderungen, von „denen wir glauben, dass sie hilfreich sein könnten, damit das Ich-Bleiben beim Wir-Werden gelingen kann“, meint kfbö-Vorsitzende Margit Hauft. Das Manifest ist kein Dogma, sondern soll Diskussionsstoff der vielen kfb-Runden werden.
„Familie in ihren vielfältigen Ausprägungen ist für die Katholische Frauenbewegung ein unverzichtbarer Wert“, heißt es im kfb-Manifest. Weiters tritt die kfb ein für partnerschaftliche Familien mit eigenständigen Personen, die in der Lage sind, Beziehungs- und Versorgungsarbeit untereinander gerecht aufzuteilen. Kinder dürfen weder zu Luxusartikeln noch zu lästigen Organisationsproblemen werden. Die Entscheidung zum Kind darf Frauen und Männern nicht zum Nachteil werden. Dazu sind wesentliche Veränderung in der Arbeitswelt wie im sozialen und kulturellen Bereich notwendig. U. a. fordert die kfb eine familiengerechtere Gestaltung von Arbeitszeiten und Berufslaufbahnen, die es Vätern und Müttern erlauben, ihre Familienverantwortung im gleichen Maße wahrzunehmen, und die auf die Bedürfnisse von Kindern, Alten und Kranken Rücksicht nehmen. Die Väterkarenz soll ausgebaut werden, z. B. durch einen einkommensabhängigen Zuschlag zum Kindergeld. Die Elternbildung und der flächendeckende Ausbau von bedarfsgerechten Kinderbetreuungseinrichtungen sind verstärkt zu fördern. Die eigenständige Alterssicherung von Frauen ist umzusetzen.