Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
Hallow (auf deutsch in etwa „heilig machen“) bietet Gebete, Meditationen, Bibeltexte und geistliche Impulse an und richtet sich vor allem an Christ:innen, die ihren Glauben im Alltag digital leben wollen. Eine „App“ ist ein Programm für das Smartphone oder den Computer.
Hallow ist die laut eigenen Angaben erfolgreichste religiöse Anwendung weltweit. Mit Millioneninvestitionen und prominenter Unterstützung durch Hollywood-Stars wie Mark Wahlberg oder Sängerin Gwen Stefani ist die App aus den USA seit einiger Zeit auch im deutschsprachigen Raum präsent.
Seit Anfang 2024 beteiligen sich etwa die Zisterziensermönche aus dem Stift Heiligenkreuz mit der „Mönchsminute“ an der App. „Tausenden Handynutzern hilft sie zu einem regelmäßigeren Gebetsleben und zu Glaubensvertiefung“, lobt das Stift Heiligenkreuz die App. Auch die Legionäre Christi und Regnum Christi sind aktiv auf Hallow.
Aus Deutschland sind unter anderem die rechtsevangelikale „Christfluencerin“ Jana Highholder und der umstrittene Gründer des Gebetshauses Augsburg, Johannes Hartl, Unterstützer.
Zur Differenzierung mahnt Linda Kreuzer, Sozialethikerin an der Universität Wien und Expertin für Medienethik, denn hinter der glänzenden „Hallow“-Oberfläche aus gregorianischen Gesängen, beruhigenden Naturgeräuschen und der täglichen Bibellesung steht ein Geschäftsmodell.
Durch die Abo-Modelle und die kapitalistische Logik der App-Betreiber wird der Glaube in ihren Augen zu einer Ware: „Auch wenn die Betreiber christliche Beweggründe anführen, es geht bei diesem Produkt ums Geldverdienen. Und es funktioniert: Hallow ist eine der am meisten runtergeladenen Apps in diesem Bereich weltweit“, sagt Kreuzer. Für den vollen Funktionsumfang braucht es ein Abo, welches aktuell an die 70 Euro im Jahr kostet.
Routinen wie Morgen- oder Abendgebete, die tägliche Bibellesung und sogenannte „Challenges“ (Herausforderungen) animieren die Nutzer:innen, über einen bestimmten Zeitraum täglich online zu sein und zu beten, um eine virtuelle Belohnung oder Bestätigung zu erhalten. Automatische Erinnerungen sind Teil des Systems: „In 10 Minuten ist es Zeit für den Rosenkranz“. Die Logik ist ganz ähnlich wie bei Facebook oder Tiktok: „Prinzipiell sind Apps so aufgebaut, dass man möglichst viel Zeit damit verbringt. Da unterscheidet sich Hallow nicht von anderen. Hallow bietet ähnlichen Nutzen für die eigene Spiritualität wie eine App für das tägliche Sportprogramm“, erklärt die Expertin.
Kritisch sieht die Sozialethikerin auch den Verlust der Privatsphäre. Wer die App nutzt, gibt oft intimste Details preis – wann sie oder er betet, was sie oder ihn bewegt oder wofür gebetet wird. Kreuzer warnt davor, sich im digitalen Raum zu sicher zu fühlen: „Je mehr ich von mir preisgebe, desto mehr wird mein Datensatz mit zugeschnittenen Werbungen bespielt.“ Man werde innerhalb dieser Räume letztlich selbst zu einer Ware.
Zwar hält die Expertin Gesundheitsdaten noch brisanter als Gebetsdaten, dennoch mahnt sie zur Vorsicht: Man solle im Internet nicht jedem „Wildfremden einfach den Wohnungsschlüssel in die Hand geben“.
Laut einer Untersuchung der Mozilla Foundation sammelt Hallow neben üblichen Nutzerdaten auch Informationen über Gebetsgewohnheiten, Nutzungsdauer und persönliche Journaleinträge. Mozilla bewertet Hallow zwar positiver als viele andere Gebets-Apps, kritisiert jedoch die Nutzung bestimmter Daten für Marketingzwecke und zielgerichtete Werbung.
Ein zentraler Kritikpunkt an Gebets-Apps sei die fehlende soziale und gemeinschaftliche Dimension des Glaubens, sagt Linda Kreuzer: „Eine App wie Hallow vermittelt das Gefühl einer weltweiten Gebetsgemeinschaft, jedoch fehlt der reale Rückhalt im Alltag.“
Wahre Gemeinschaft erfordere einen Austausch und ein Miteinander, das digital nicht abbildbar sei. Digitale Angebote könnten sakrale Räume, den Geruch von Weihrauch oder das Entzünden einer echten Kerze nicht ersetzen. „Niemand will eine digitale Hochzeit feiern, und wenn es im Leben schwierig wird, etwa durch eine schwere Erkrankung, ist die persönliche Seelsorge gefragt, die durch Menschen und nicht durch Algorithmen geleistet werden muss.“
Vor allem im Blick auf spirituell Suchende betont die Sozialethikerin: „Religiöse Praxis sollte an eine physische Gemeinschaft gebunden sein, die beim Wachsen hilft und die Autonomie in der Glaubensgestaltung stärkt.“
Nach Ansicht von Linda Kreuzer fehlt der App Hallow inhaltlich die soziale Dimension christlichen Glaubens. Während Gebet, Katechese und persönliche Frömmigkeit stark betont würden, kämen Themen wie soziales Engagement, gesellschaftliche Verantwortung oder auch die unterschiedliche Auslegung biblischer Texte kaum vor. Diese Reduktion auf das Private vernachlässige den Auftrag für Christ:innen, in der Welt politisch und sozial zu handeln.
Die Kritik erhält zusätzliche Brisanz durch die Investorenstruktur von Hallow (siehe unten). Linda Kreuzer hinterfragt das Motiv der Geldgeber massiv: „Wenn Peter Thiel wirklich die Glaubensinhalte der Kirche verbreiten wollen würde, hätte er das Geld auch einfach an Pfarrgemeinden spenden oder dem Papst einen Scheck über mehrere Millionen für wohltätige Projekte ausstellen können. Dass er stattdessen in eine App investiert, zeigt sein Interesse an der Digitalisierung des gesamten Lebensvollzugs.“
Apps wie „GlaubenLeben“ der österreichischen katholischen Kirche oder „Evermore“ der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sind weit nicht so verbreitet wie Hallow, aber werbefrei und sicher. Es gibt eine theologische Qualitätskontrolle. „GlaubenLeben“ bietet zudem einen direkten Bezug zur Kirche vor Ort: mit der österreichweiten Suchfunktion für Gottesdienste.
Das Fazit von Sozialethikerin Linda Kreuzer zu Hallow lautet: „Es ist ein Konsumprodukt, für das man zahlt, und wie bei jedem anderen Konsumprodukt muss man die Konsequenzen mitbedenken.“ Apps wie Hallow könnten für manche ein Einstieg oder eine Hilfe sein. Doch sie bergen die Gefahr, den Glauben zu einer einsamen Beschäftigung am Bildschirm zu machen, die den Menschen eher an sein Smartphone bindet als an Gott oder seine Nächsten.
Die Gebets- und Meditations-App Hallow wurde im Dezember 2018 in Chicago gegründet. Laut Eigendefinition ist die App „100% katholisch“.
Entwickelt wurde sie von den drei bekennenden Katholiken Alex Jones, Erich Kerekes und Alessandro DiSanto. Sie starteten das Unternehmen mit dem Ziel, christliche Gebetstraditionen über eine digitale Plattform zugänglich zu machen. Heute gilt Hallow als eine der weltweit erfolgreichsten religiösen Anwendungen.
Zu den wichtigsten Investoren bei Hallow gehören der Tech-Unternehmer Peter Thiel sowie der US-Vizepräsident J. D. Vance, der heute eng mit der politischen Bewegung von Donald Trump verbunden ist. Beide werden dem rechtsgerichteten politischen Spektrum in den USA zugeordnet. Sie haben über Investmentstrukturen mehrere Millionen Dollar in Hallow investiert.
Peter Thiel ist zudem Mitgründer von Palantir, einem Unternehmen, das für seine enge Zusammenarbeit mit staatlichen Sicherheits- und Militärbehörden sowie für die umstrittene Nutzung großer Datenmengen zur Analyse und Überwachung von Personen und Gruppen kritisiert wird.
Der Multimilliardär Thiel gilt als politisch libertär, er lehnt die Demokratie ab und setzt auf die Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft durch wirtschaftliche und technologische Eliten. In seinen Argumentationen verwendet er viele christlich-apokalyptische Begriffe. In Österreich wurde Peter Thiel durch seine Ein- und danach wieder Ausladung zu den Wiener Festwochen breiter bekannt.
Die politische Karriere von J. D. Vance wurde durch Kontakte zu Thiel und dem Silicon-Valley-Umfeld unterstützt.
Heute gehört der bekennende Katholik zu den wichtigsten politischen Figuren im Umfeld von Donald Trump und vertritt eine Mischung aus wirtschaftlich konservativen und gesellschaftlich traditionellen Positionen.

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
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