ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen Dialog.
Ein Markt in der lateinamerikanischen Großstadt San Salvador, Ende der 1990er-Jahre. In der Stadt drängen sich Binnenflüchtlinge, die der Bürgerkrieg in die Hauptstadt gespült hat. „Auf dem Markt gab es mehr Verkäufer als Käufer“, erinnert sich Martha Zechmeister, die San Salvador vor 27 Jahren zum ersten Mal besucht hat. Sie war erschüttert. „Die Stadt war voll Dreck und Smog. Vom Bürgerkrieg verstümmelte Männer, Frauen, die ihre Sachen verkaufen wollten und ihre Babys mittendrin auf den Boden legten, weil sie nichts anderes hatten. Drogensüchtige Jugendliche, die an Klebstoff schnüffelten.“ Als die österreichische Ordensfrau und Theologin das sah, wurde ihr klar, dass die Welt ein „Schlamassel“ ist. Mit der Situation in Österreich war es nicht zu vergleichen. Denn in Europa hat der Großteil der Bevölkerung ein Dach über dem Kopf, eine ausreichende Ernährung und Zugang zu Bildung kann man voraussetzen. Nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung gilt das nicht. In El Salvador ist es umgekehrt. „Der Großteil lebt unter lebensgefährdenden Umständen.“ Der Theologe Jon Sobrino unterschied die, die das Leben voraussetzen können, und jene, die das nicht können.
Keine zehn Jahre später übersiedelt Martha Zechmeister ganz nach San Salvador. Sie entscheidet sich, die feste Stelle als Theologieprofessorin an der Universität Passau aufzugeben und Professorin für Systematische Theologie in San Salvador zu werden. Es handelt sich um jene Universität, an der am 16. November 1989 die militärische Spezialeinheit Batallón Atlácatl im Bürgerkrieg den Jesuiten und Universitätsrektor Ignacio Ellacuría gemeinsam mit fünf weiteren Jesuiten, der Kommunitätsköchin und deren Tochter ermordete. Es war der Anfang vom Ende des Bürgerkriegs.
Doch auch nach dem Bürgerkrieg besserte sich die Lage der meisten Menschen in El Salvador nicht wesentlich. Zu einem großen Problem wurden die Jugendbanden, sogenannte „Maras“. Während des Bürgerkriegs waren viele Jugendliche nach Los Angeles geflüchtet, um sich der Rekrutierung zu entziehen. Dort war die Jugendkultur von mexikanischen Gangs dominiert, was zur Radikalisierung beitrug. Als die Geflüchteten nach dem Bürgerkrieg nach El Salvador abgeschoben wurden, brachten sie Gewaltbereitschaft und kriminelles Know-how mit. Die Politik war mit diesem Problem überfordert. Unabhängig davon, ob eine rechte oder linke Partei regierte, setzte sie repressive Maßnahmen, statt Gewalt vorzubeugen. Eine Abwärtsspirale setzte ein.
Martha Zechmeister, Sie leben seit 2009 in El Salvador. Die Welt haben Sie einmal als „Schlamassel“ bezeichnet. Was meinten Sie?
Zechmeister: Ich erzähle Ihnen ein Beispiel aus meiner Anfangszeit. Der Pfarrer meiner Stadtrandpfarre stellte mich zwei Bossen der größten regionalen Jugendbanden vor. Mir ist nichts passiert. Ein Bub kam regelmäßig in die Pfarre, um mit mir Tischtennis zu spielen. Ich war Mitte vierzig und wie seine Oma. Eines Nachts weckte mich der Pfarrer, um mich zu einer Totenwache mitzunehmen. Die Banden, genannt Maras, hatten um einen Häuserblock gekämpft. Unter den Toten war auch mein jugendlicher Freund. 15 Jahre später sagte ein Jugendlicher im Interview für ein Forschungsprojekt: „Die Entscheidung war nicht, studiere ich Medizin oder lasse ich mich von den Maras rekrutieren, sondern: Gehe ich zu den Maras oder fresse ich Scheiße?“ Heute hat El Salvador das größte Gefängnis der Welt mit 40.000 Inhaftierten, viele davon echte oder vermeintliche Bandenmitglieder. Leider hat das Land immer noch zu wenig Zukunftsperspektiven für Jugendliche. Und der Weg in den Norden ist durch die US-Migrationspolitik versperrt.
Wie können wir dem Schlamassel entkommen?
Zechmeister: Ignacio Ellacuría, der Jesuit und Theologe, der gemeinsam mit fünf Mitbrüdern und zwei Frauen 1989 in San Salvador ermordet wurde, sagte: Was Hoffnung gibt, ist nicht die Zivilisation des Reichtums, sondern die Zivilisation der Armut. Dass nur Wachstum der Motor der Menschheit ist, also die Anhäufung von Kapital, ist eine tödliche Logik, die den Suizid der Menschheit bedeutet. Wenn ich das Lebensmodell Europas und erst recht das der USA universalisieren würde, wäre das morgen das Aus der Menschheit. Das hält der Planet einfach nicht aus.
Wie sieht eine Zivilisation der Armut aus?
Zechmeister: Die Grundidee muss sein: Wie leben wir, dass die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen sind? Dazu müssen wir die grundlegenden Bedürfnisse zuerst erkennen und benennen. Es reicht nicht, weniger Fleisch zu essen und den Müll zu trennen. Ich bin nicht dagegen, aber das allein ist zu wenig. Es ist eine Frage der Prioritäten. Denken Sie zum Beispiel an die Pflege. Es ist uns in Europa wichtig, wie wir wohnen, welches Auto wir haben, wohin wir auf Urlaub fahren und wo wir speisen. Dafür ist uns keine Ausgabe zu teuer. Aber in Pflegeleistungen wollen wir möglichst wenig investieren! Dafür reicht das Geld nicht. Wo bleibt da die Menschlichkeit?
Was können wir ändern, damit wir nicht in den falschen Prioritäten steckenbleiben?
Zechmeister: Erwarten Sie von mir kein Rezept. Das ist Ihre Aufgabe, nicht meine. Die Bergpredigt als politisches Programm ist schwierig. Aber ich weigere mich zu sagen, deswegen verzichten wir auf das Evangelium. Wir bleiben ja Christen! Wir können Zeichen der Hoffnung setzen. Auch Jesus hat nicht alle Kranken auf der Welt geheilt oder allen Hungernden etwas zu essen gegeben. Er hat mit einigen Menschen das Essen geteilt, ein paar Kranke geheilt. Mit sturer Hartnäckigkeit können auch wir messianische Zeichen der Hoffnung setzen. Oder wie es Dorothee Sölle formulierte: Dem Meer des Todes Inseln des Lebens abgewinnen. Das Meer des Todes scheint übermächtig. Ich kann resignieren und sagen, da kann man nichts machen. Oder ich gebe nicht auf, Lebensräume zu schaffen und zu schützen. Das hat politische Sprengkraft. Aber man kann nichts mit Gewalt herbeizwingen.
Wie kann die Politik Lebensräume schaffen?
Zechmeister: Ich habe keine leichten Lösungen. Angela Merkels christlicher Ansatz, Flüchtlinge nicht einfach auszusperren, hat den Aufschwung der Rechtsautoritären befeuert. Ich verkaufe keine naiven Rezepte. Aber es gibt da wie dort Gestaltungsspielraum. Wir feiern als Christen die Erlösung, die von einem Gescheiterten kommt. Das Modell ist ja kein Erfolgsmodell. Jesus scheitert. Aber von dort kommt Erlösung! Oder wie Óscar Romero geschrieben hat: „Wenn wir uns eingestehen müssen, dass unsere menschlichen Kräfte nicht mehr ausreichen, dass das Land (oder die Welt) in einer Sackgasse steckt, wenn wir sehen, die Politik kann es nicht richten, die Diplomatie auch nicht, hier ist alles Zerstörung, alles Desaster, und dies zu leugnen wäre Wahnsinn, dann braucht es eine Rettung, die uns übersteigt. Über diesen Trümmern wird die Herrlichkeit des Herrn aufstrahlen. Darum haben wir Christen in dieser Stunde eine große Sendung: Diese Hoffnung zu leben.“
Das Gespräch führte Monika Slouk.
Die aus Österreich stammende Ordensfrau und Theologin Martha Zechmeister CJ ist mit dem Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden.
Martha Zechmeister stehe als Vertreterin einer „Mystik der offenen Augen“ für einen „hellwachen Blick auf die bedrängenden Realitäten“ und für das „befreiende Potenzial der Botschaft Jesu“, hieß es in der Begründung der Jury, aus der der Obmann der Hochschulwochen, Martin Dürnberger, bei der Verleihung zitierte.
Im Publikum waren Erzbischof Franz Lackner, Erzabt Jakob Auer von St. Peter und viele Prominente aus Kirche, Politik und Gesellschaft.
Auf die Übereinstimmung von Theologie und Lebenszeugnis bei Martha Zechmeister verwies der Salzburger Theologe Franz Gmainer-Pranzl in seiner Laudatio. Zechmeister erinnere daran, „dass die Armen nicht bloß ein Fall für die kirchliche Caritas-Arbeit sind, sondern Subjekt christlicher Gemeinde“ und Maßstab dessen, „ob wir vom biblischen Gott oder von einem Götzen reden“, der als „Rechtfertigungsfigur zur Verteidigung von Macht und Reichtum dient“.
In ihren Dankesworten unterstrich Zechmeister, dass sich Theologie „der Wirklichkeit aussetzen und von ihr unterbrechen lassen“ müsse – „besonders von der Wirklichkeit der Verletzlichsten“. Eine Theologie, „die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt“, bleibe „wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“, so Zechmeister in Anlehnung an ihren Lehrer Johann Baptist Metz (1928–2019). Die Salzburger Hochschulwochen standen heuer unter dem Thema „Identität: Superkraft und Problemzone“.

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