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Synodalität ohne Kosmetik

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Kardinal Jean-Claude Hollerich gehörte zu den Teilnehmer:innen des Synodalitäts-Symposiums in Wels. Er sagt, die Kirche sei durch die letzten Synoden bereits verändert worden. Aller Kritik zum Trotz hält er an der Bedeutung Europas für die Welt fest.

Ausgabe: 39/2026
22.09.2026
- Josef Wallner, Heinz Niederleitner
Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ
Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ
© KIZ/Niederleitner

Wie beurteilen Sie die Tagung zur Synodalität in Wels?
Kardinal Jean-Claude Hollerich: Sehr gut. Natürlich gibt es noch Spannungen, wenn man sieht, wie viele Bischofskonferenzen hier zusammengekommen sind. Aber die Spannungen sind nicht mehr so intensiv wie beim Treffen in Prag [Anmerkung: Im Februar 2023 fand das erste Europa-Treffen zur Synodalität statt]. Die Zusammenarbeit in Europa hat also schon eine Geschichte bekommen. Es tut mir natürlich leid, dass die Bischofskonferenzen einiger Länder nicht dabei sind, wie jene aus Polen. Aber das kann verschiedene Ursachen haben.

 

Sie sagten kürzlich, dass aus den Synoden zur Synodalität bereits etwas Neues gewachsen sei ...
Kardinal Hollerich: Damit meine ich die Tatsache, dass es solche Versammlungen, wo Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien dasselbe Rederecht haben, überhaupt gibt. Das ist etwas Neues in der Kirche. In der Vergangenheit waren wir viel hierarchischer strukturiert. Jetzt sieht man: Der Wandel ist schon da. Man darf natürlich nicht alles sofort erwarten, aber ich denke nicht, dass man diese Entwicklung wieder zurückdrehen kann. Nicht alle sind darüber erfreut. Aber dass der Papst das angeordnet hat, zeigt, dass es Veränderung gibt.

 

Bei der Startpressekonferenz zum Treffen in Wels wurde nachdrücklich das Thema „Frauen in der Kirche“ angesprochen. Sie selbst haben formuliert: „Wenn sich Frauen in der Kirche nicht zuhause fühlen, dann haben wir als Christen versagt.“ Wer ist dieses „wir“?
Kardinal Hollerich: Das sind wir alle. Die Hierarchie der Kirche ist doch eine Männergesellschaft. Viele Bischöfe in Westeuropa waren früher zunächst in den „kleinen Seminaren“, dann im Priesterseminar mit wenig Kontakt zu Frauen. Nun gibt es so eine gewisse Angst vor Frauen. Dabei müssen wir die Frauen als Partnerinnen in der Kirche sehen, die etwas zu sagen haben. Das tut der Kirche gut. Der Papst hat ja auch Frauen zu Behördenleiterinnen im Vatikan gemacht.


Sie sagten, der Ort, wo sich Synodalität bewähren muss, sei nicht Rom. Das seien vielmehr die Diözesen und Pfarren. Aber warum nicht auch in Rom?
Kardinal Hollerich: Das ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber das wäre dann eher eine Strukturreform. Dabei soll es ja vielmehr um eine Reform gehen, bei der die Getauften erkennen, dass sie durch die Taufe am allgemeinen Priestertum teilhaben und aktiv in der Kirche sein sollen. 
Es ist ja auch nicht so, dass sie nur passiv die Sakramente empfangen: Die Eucharistiefeier braucht zwar den Priester, sonst ist sie nicht möglich, aber Eucharistie feiern alle Getauften, die da sind, gemeinsam. Synodalität, die nicht in den Pfarren ankommt, wäre nur „Kosmetik“.

 

Sie fordern die Kirche in Europa dazu auf, Verschiedenheiten auszuhalten. Tatsache ist doch, dass weite Teile der Kirche in Mitteleuropa Reformen in der Kirche wollen – von der Weihe für Frauen bis zur Abschaffung der Zölibatsverpflichtung – und immer hören, dass man auf alle in der Weltkirche warten müsse. Die Situation ist doch sehr ungleich!
Kardinal Hollerich: Aber sie ist real. Bei einer Versammlung zur Vorbereitung der Synoden habe ich ein großes Streitgespräch zwischen afrikanischen Frauen und Frauen aus Europa erlebt. Die afrikanischen Frauen meinten sinngemäß: „Ihr könnt schon nach Weiheämtern fragen, aber ihr fragt das nicht in unserem Namen, denn wir sind damit nicht einverstanden. Wir wollen nicht Priesterinnen werden. Vielmehr wollen wir, dass die Kirche für Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft eintritt.“
Zudem sagt die Synode zu den Menschen nicht nur: Wartet!, sondern auch: Redet miteinander! Das ist etwas anderes, denn Themen sind dann nicht mehr tabu. Wenn Kirche im Dialog ist, kommt vielleicht etwas heraus, das weder die eine noch die andere Seite erwartet hat. Dass man miteinander redet – und sich zum Beispiel nicht nur über Zeitungsinterviews etwas ausrichtet –, das ist die synodale Kultur, die das Ganze verändern wird.

 

Kommen wir zu Europa: Oft heißt es, der „alte Kontinent“ verliere an Einfluss. Ist das so?
Kardinal Hollerich: Ja, Europas Einfluss sinkt sicher. Aber das ist kein Grund zum Klagen. Denn gleichzeitig glaube ich, dass die Europäische Union etwas sehr Wichtiges ist. Europa kann eine mittlere Macht werden, wie Brasilien, Indien und so weiter. Europas Aufgabe wäre dann, für Harmonie und Gleichgewicht in den internationalen Beziehungen zu sorgen. Ich sehe das fast schon als eine Art „Berufung“ für Europa. Wir Europäer haben in der Geschichte sehr viel Unrecht getan, aber das internationale Recht kam auch aus Europa. Wir müssen auch weiterhin dafür eintreten, dass es von den großen Mächten nicht mit Füßen getreten wird.

 

Was sind also die Stärken Europas, auf die wir bauen können?
Kardinal Hollerich: Dass wir die Vernunft und die Freiheit hochhalten. Man braucht die Freiheit vieler Menschen, die mitdenken, die zusammen denken – und das hat Europa. Das soll man sich bewahren. Die Vernunft hochhalten: Das war ja auch das Schöne im Pontifikat von Benedikt XVI. Er hat  immer wieder darauf hingewiesen, dass Religion nicht gegen die Vernunft sein kann. Das finde ich typisch europäisch. Unsere Religionen sind durch eine Aufklärung gegangen.

 

Mit der Enzyklika „Magnifica humanitas“ ist es Papst Leo XIV. gelungen, in einer wichtigen Frage international Gehör zu finden und zu zeigen, welches Potenzial die Kirche hat. Wie kommt die Kirche aus der Selbstbeschäftigung heraus, damit sich dieses Potenzial besser entfalten kann?
Kardinal Hollerich: Die Kirche ist nicht dazu da, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Darin gründet vielleicht die römische Ungeduld mit verschiedenen Reformbewegungen. Die Kirche ist vielmehr dazu da, der Welt zu dienen, sie ist für das Reich Gottes da, soll für den Frieden arbeiten und für Gerechtigkeit. Sie soll an der Seite der Armen stehen, der Ausgebeuteten. Die Kirche ist dazu da, prophetisch zu warnen und die Stimmen zum Beispiel angesichts der Klimakatastrophen zu erheben. In all diesen Bereichen hat die Kirche große Aufgaben. Ich würde sogar noch weiter gehen: Man müsste ein Bündnis der Religionen bilden. Denn die Religionen können in Zukunftsfragen führend sein, wo die Staaten das nicht mehr fertigbringen. Es ist nicht Aufgabe der Kirche, Politik zu machen. Aber sie erhebt die Stimme, damit sich Christinnen und Christen und andere Menschen zusammenfinden, um ihr Know-how für das Gemeinwohl fruchtbar zu machen. Denn im Moment geht die Politik an den Leuten vorbei, und das ist sehr gefährlich. 
 

 

 

Zum Foto: Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ ist seit 2011 Erzbischof von Luxemburg. Er war ein enger Vertrauter von Papst Franziskus, der die Leitung der Synoden über die Synodalität in seine Hände legte. Kardinal Hollerich nahm am Symposium (14.–17. September) über die „Stärkung der Synodalität in Europa“ im Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels teil.       

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Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität  im Pastoralamt der Erzdiözese Wien .

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