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Bis 2025 waren Sie im ORF als Skiexpertin zu hören. Jetzt sind Sie beim Skiweltverband FIS tätig und haben als kritische Insiderin schon für Diskussionen gesorgt. Bevor wir da genauer hinschauen: Machen Sie im Sommer auch Urlaub? Wie finden Sie Ruhe und Erholung in Ihrem vielbeschäftigten Leben?
Alexandra Meissnitzer: Im Sommer nehme ich mir zwischendurch ein paar Tage frei. Die Zeit verbringe ich in der Natur, weil mir das guttut. Einen klassischen Urlaub habe ich heuer nicht gemacht. Wenn etwas im Umbruch oder neu ist, braucht das volle Aufmerksamkeit und eine gewisse Flexibilität. Ich hätte gar nicht die innere Ruhe, zu sagen: „Okay, jetzt gehe ich zwei Wochen irgendwohin und lege mich an einen Strand.“
Zieht es Sie in die Berge oder ans Wasser?
Meissnitzer: Beides. Gerade im Sommer finde ich es am Wasser natürlich schön. Ich bin gerne in Österreich, weil ich finde, wir haben alles. Und wenn es bei uns schon so heiß ist, wie es zuletzt war, will ich nicht irgendwohin fahren, wo es noch heißer ist. Da bleibe ich gerne bei uns in den Bergen oder an den Seen. Ich finde, wir leben im Paradies, hier kann ich mich wunderbar erholen. Ich fliege ohnedies beruflich recht viel ins Ausland.
Die FIS haben Sie im Juni wegen mangelnder Transparenz kritisiert. Der Weltfußballverband FIFA ist mit ähnlichen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit.
Sehen Sie da Parallelen?
Meissnitzer: Ich glaube nicht, dass man Parallelen ziehen kann. Natürlich ist es eine Gratwanderung für einen Weltverband – egal, ob Fußball oder Ski: Einerseits muss man den Sport gut verkaufen, damit er präsent ist und international überlebt. Auf der anderen Seite geht es mir als ehemaliger Athletin natürlich um den Sport. Es ist herausfordernd, die Balance zu halten.
Der Klimawandel ist eine Herausforderung für den Skisport. Ist Skifahren bald am Ende?
Meissnitzer: Für mich ist Skisport keineswegs ein Auslaufmodell. Man muss offen sein für neue Prozesse und ein Umdenken. Es geht nicht mehr so wie vor 20, 30 Jahren. Wenn ich an meine Zeit zurückdenke: Als Kind sind wir aufs Kitzsteinhorn gefahren, haben dort trainiert, quasi vor der Haustür. Jetzt muss der Nachwuchs im Sommer in die Schweiz, in Skihallen, oft sogar auf andere Kontinente. Der Aufwand ist höher als früher. Gleichzeitig geht es darum, die Jugend für den Sport zu begeistern und den Jungen zu vermitteln, dass sie alle Möglichkeiten haben. Geben wir ihnen die Chance,
davon zu träumen, dass sie in 20 Jahren Olympiasieger sind. Wir dürfen groß denken, global denken.
Global denken – heißt das, Regionen zu erschließen, die noch nicht bekannt für Skisport sind, aber möglicherweise in Zukunft mehr Schnee haben als Österreich?
Meissnitzer: Ja, auch. Wir waren zum Beispiel im alpinen Skisport in den letzten Jahren wenig in Asien. Im Freestyle funktioniert diese Region sehr gut. Und das ist auch die große Stärke der FIS: Wir haben verschiedene Sportarten. Viele denken beim Internationalen Skiverband an den alpinen Skilauf – aber es geht natürlich auch um Ski Nordisch, Snowboard, Freeride, Freestyle, Paraski etc. Insgesamt sind es 14 Sportarten. Je nach Region ist eine andere Disziplin stark.
Wie wollen Sie Wintersportarten heute schmackhaft machen?
Meissnitzer: Mir geht es darum, den Athletinnen und Athleten Geschichten zu geben. Ich glaube, viele haben das Comeback von Lindsey Vonn mitverfolgt. Sie hat gezeigt, dass es möglich ist, wieder Nummer eins zu werden – nach einer langen Pause, in der jeder gesagt hat: „Nein, die ist zu alt, das geht nicht mehr.“ Und sie hat gesagt: „Doch, das geht.“ Ich finde es schön, wenn Menschen wie Lindsey Vonn Grenzen verschieben.
Sie selbst teilen auch die Mentalität, immer wieder aufzustehen und sich neu zu erfinden.
Meissnitzer: Absolut. Ohne diese Einstellung kommt man im Spitzensport nicht nach oben. Es ist natürlich nicht immer alles super und schön, und man ist nicht immer erfolgreich. Man muss auch mit vielen Niederlagen umgehen. Das ist das Leben. Was wir im Sport lernen, lernen wir früh. In der Jugend bekommt man spielerisch vermittelt, wie wichtig es ist, Teamplayer zu sein, diszipliniert und konsequent zu sein. Vor allem aber eines – das ist das Allerwichtigste: Wieder aufzustehen und weiterzumachen, wenn etwas einmal nicht klappt.
Große Organisationen wie die FIFA oder die FIS tun sich offenbar schwer, transparente Strukturen zu schaffen. Auch die Kirche ist eine große Organisation. Sehen Sie da ähnliche Themen?
Meissnitzer: Große Organisationen und Institutionen zu führen, ist nie einfach. Es ist komplex. Und große Organisationen – ob Kirchen oder Sportverbände – sind politisch. Die Frage ist: Wie schafft man Transparenz? Was braucht es dafür? Für mich geht es um Haltung, Respekt und Klarheit. Dinge für sich selbst vertreten zu können. Zahlen, Daten, Fakten: Alles, was transparent sein kann, muss auch Transparenz schaffen.
Welche Reformen bräuchte die Kirche?
Meissnitzer: Offenheit für Neues. Ich hatte das große Glück, bei Papstaudienzen dabei zu sein – zuerst bei Papst Benedikt und später bei Papst Franziskus. Das habe ich als außergewöhnlich und schön empfunden, ein echtes Privileg. Man hat bei Papst Franziskus gemerkt, dass er bereit ist, einen Schritt weiter auf die Menschen zuzugehen. Es ist schade, wenn die Kirche als abgehoben wahrgenommen wird, statt zugänglich und für alle da zu sein. Was für mich nicht mehr funktioniert: „So macht man das, weil es sich so gehört.“ Vielmehr sollte man über den Tellerrand schauen und das große Ganze sehen.
Sie haben Olympia-Seelsorge erlebt. Was kann Seelsorge im Spitzensport bewirken? Ist es Leistungsoptimierung? Oder ein Trost?
Meissnitzer: Man muss das ganz unkompliziert sehen. Du bist vielleicht gerade die Nummer 1 der Welt und hast jede Menge Leistungsdruck. Wir alle kennen diese Situationen im Leben, wo der Druck steigt, wo es intensiv wird – egal ob privat oder beruflich. Und was macht man, wenn ein wichtiger Tag oder Termin ansteht? Wenn ich bei Olympischen Spielen am Start stehe, dann wünsche ich mir natürlich, dass alles gut geht, ich meine beste Leistung abrufen kann. Für manche von uns ist dieser Wunsch ein stilles Gebet, wie auch immer das aussehen mag. Und wenn sogar ein Seelsorger dabei ist, ich eine Ansprechperson habe, ist es umso besser.
Welche Rituale stärken Sie?
Meissnitzer: Als ich noch aktive Leistungssportlerin war, gab es manchmal eine gemeinsame Messe in den Tagen vor dem Rennen. Nicht jeder war dabei, nur diejenigen, die wollten. Etwas mache ich sehr gerne, egal, wo ich auf der Welt bin: Ich zünde in einer Kirche gerne ein Licht an. Das kann auch daheim sein. Es sind kurze Momente, in denen man für wenige Sekunden zur Ruhe kommt. Man zündet die Kerze bewusst an und hat gute Gedanken dabei. Das sind schöne Rituale, auch für Kinder.
Wenn wir in die Welt schauen – Kriege, Dürre, Vulkanausbrüche ... Was gibt Ihnen Mut?
Meissnitzer: Die Herausforderungen sind groß. Aber ich denke oft an Oma und Opa, sie haben Krieg miterlebt und waren trotzdem positiv, haben für uns weitergemacht. Nun liegt es an uns, dass jede:r Einzelne im eigenen Bereich das Bestmögliche beiträgt. Weg vom Ego-Trip, wir schaffen es nur im Miteinander. Wir müssen uns wieder besser verbinden, damit wir gemeinsam etwas weiterbringen. Jenen helfen, die es wirklich schwer haben. Am Ende geht es doch darum, das Gute zu sehen. Ja, es läuft vieles schief, aber es läuft auch vieles sehr gut. Wenn man sich den Blick für das Gute und Schöne bewahrt und es gelingt, daraus Kraft zu schöpfen, habe ich überhaupt keine Bedenken, dass wir das hinkriegen.
Alexandra Meissnitzer (53) zählt zu denerfolgreichsten österreichischen Skirennläuferinnen. 1999 gewann sie den Gesamtweltcup sowie zwei Weltmeistertitel im Riesenslalom und Super-G. Insgesamt holte sie drei Olympiamedaillen,14 Weltcupsiege und 46 Weltcupmedaillen. 2008 wechselte sie zum ORF, wo sie bis 2025 als Skiexpertin tätig war. Heute arbeitet die Salzburgerin beim internationalen Skiverband FIS an Sonderprojekten. Besonders bemerkenswert ist, dass Meissnitzer auch nach schweren Verletzungen immer wieder erfolgreich in den Rennsport zurückkehrte.
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