Diese und nächste Woche erscheinen Kurzreportagen aus der kleinsten und der größten Pfarre der Diözese Linz. Am Anfang steht die Expositur Obermühl mit 142 Katholiken.
Die Buchstaben fehlen, nur die Schatten auf der Wand verraten, dass hier einmal „Festsaal und Kino“ stand. Diese Zeiten sind vorbei. Die Kleine Mühl fließt nahe dem klein gewordenen Ort in die Donau. Als 1960 das Donaukraftwerk gebaut und ein Teil des Ortes versetzt wurde, waren viele gleich weggezogen. Als die Papierfabrik später die Produktion einstellte, gingen nochmals viele weg. Die Kirche ist geblieben. „Vor dem Kraftwerksbau gehörten 830 Katholiken der Expositur an, nachher waren es 260“, erinnert sich PGR-Obmann Josef Kneidinger. Heute ist Obermühl mit 142 Katholiken die kleinste pfarrliche Einheit der Diözese. „Die Verantwortlichen der Diözese sind bestrebt, auch die kleinen ,Pfarren’ am Leben zu erhalten. Wir sind dafür dankbar“, sagt Kneidinger, der die Sakristeitür der Kirche aufschließt. Das Gotteshaus aus den 60er Jahren ist sehr schlicht. Betritt man ihren Innenraum durch die Sakristei, scheint das Licht durch die großen Seitenfenster den Besucher direkt an. Das Pfarrheim ist mit der Kirche durch einen überdachten Gang verbunden: ein großer Raum, Tische, Stühle, ein Ofen und ein Kühlschrank – das Notwendigste ist da.Von den „offiziellen“ Stellen ist außer der Kirche nichts in Obermühl geblieben. Gendarmerie, Post und Schule sind verflossen. „Wir wollen nicht, dass auch noch die Kirche zumacht“, sagt Keidinger. Deshalb haben die Obermühlner einiges in Fluss gebracht.
Lebendige Gemeinde
Zu den Aktivitäten gehört zuerst einmal die wöchentliche Sonntagsmesse: Nach der Messe in Kirchberg/D. fährt Pfarrer Mag. Josef Hofer elf Kilometer nach Obermühl, um mit der dortigen Gemeinde Gottesdienst zu feiern. Ein Chor und einige der acht Ministranten unterstützen ihn. Wenn er kann, hilft auch der stellvertretende Generalvikar DDr. Severin Lederhilger aus. Gemeinsames Binden von Adventkränzen, der Pfarrkaffee, die Fastensuppe, Mitarbeiterfest und Grillabend stehen ebenso während des Kirchenjahres auf dem Programm wie Erstkommunions- und Firmvorbereitung. Auch mit der Kinderliturgie wendet sich die Expositur an die Jüngsten. Kinder und ihre Mütter stehen vor der Kirche an der Straße, die das Gotteshaus von der Donau trennt. Ein kühler Wind zieht durchs Donautal und umweht die Fassade der Kirche, die schon bessere Tage gesehen hat. „2005 wollen wir renovieren“, sagt Kneidinger. An der Finanzierung wird derzeit gearbeitet. Die alte Kirche in Obermühl wurde 1772 errichtet. Seit 1935 besteht die Expositur, damit die Leute nicht den beschwerlichen Weg nach Kirchberg zum Gottesdienst gehen mussten. 1960 wurde sie mit anderen Häusern abgetragen, das Wasser im Stauraum der Donau stieg um acht Meter. Damals wurde die heutige Kirche an der Mühlmündung gebaut.Die Donau gibt Obermühl bis heute eine gewisse Prominenz: Ausflügler und Spaziergänger besuchen in der warmen Jahreszeit den Ort. Jetzt im Winter ist es ruhig, das Wasser der Mühl gleitet langsam in die Donau. Am Ufer der Mühl erinnert ein Stein ebenso wie ein Totenbildchen in der Kirche an den prominentesten Obermühlner: Altbundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger.