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Den Fahrschein zweimal nutzen?

Wer will nicht ab und zu die Gelegenheit nutzen, Geld zu sparen? Kann man eine einmal bezahlte Leistung, wenn aus Nachlässigkeit nicht kontrolliert wird, gleich zweimal nutzen? Fair ist das wohl nicht. Aus der Serie "Ethik im Alltag" mit Michael Rosenberger, Teil 2 von 4.
Ausgabe: 2016/21
24.05.2016
- Michael Rosenberger
© Kust
Fallbeispiel: Ich habe mir einen Fahrschein ­gekauft, aber der Schaffner hat mich – ohne, dass ich das beabsichtigt hätte – ­einfach über­sehen und meinen Fahrschein nicht ­entwertet. Dieser ist auch morgen noch gültig, wenn ich dieselbe Strecke nochmal fahren muss.
Darf ich den Fahrschein einfach dafür verwenden oder muss ich mir einen neuen kaufen?

Antwort: Regeln haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie uns verlocken, sie zu umgehen. Manchmal entwickeln wir eine gerade-
zu diebische Freude, wenn wir eine Regel unentdeckt und vielleicht sogar unentdeckbar (!) übertreten haben. Diese (Schaden-)Freude ist meistens der weitaus größere Motivationsfaktor als der materielle Gewinn, der aus der Regelverletzung entsteht. Das gegebene Beispiel ist genau so ein Fall: Der Schaffner hat die Fahrkarte nicht gestempelt – und schon beginnt unser Gehirn zu überlegen, ob wir die Karte nicht noch einmal nutzen sollten.

Fahrkarte gegen Beförderung. Ethisch betrachtet ist der Kauf der Fahrkarte ein Vertrag: Der Kunde bezahlt Geld, die Bahn befördert den Kunden. Leistung und Gegenleistung entsprechen einander. Im vorliegenden Fall ist der Vertrag von beiden Seiten erfüllt worden. Der Kunde hat eine Fahrkarte gekauft, die Bahn hat ihn befördert. Dass der Schaffner die Fahrkarte nicht entwertet hat, ändert daran gar nichts. Objektiv und fair betrachtet gibt es also keinerlei Grund dafür, die Fahrkarte ein zweites Mal zu verwenden.

Der eigentliche Sinn einer Fahrkarte. In den Evangelien sind die Pharisäer diejenigen, die jede Regel so lange hin und her drehen, bis sie einen Weg finden, sie zu um­gehen. ­Ihnen gegenüber besteht Jesus darauf, den Sinn der Gebote zu erfüllen und nicht nur den Buchstaben.
Dass aber der Sinn einer Fahrkarte nicht darin liegt, abgestempelt zu werden, sondern eine Beförderung zu ermöglichen, wissen wir ­eigentlich alle. Wer will nicht ab und zu die Gelegenheit nutzen, Geld zu sparen? Kann man eine einmal bezahlte Leistung, wenn aus Nachlässigkeit nicht kontrolliert wird, gleich zweimal nutzen? Fair ist das wohl nicht.

Ethik im Alltag

Eine Serie mit Michael Rosenberger
Universitätsprofessor für Moraltheologie, Katholische Privatuniversität Linz
Teil 2 von 4
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