Ausgabe: 2005/34, Kommentar, Friedensmann, Roger Schutz,
25.08.2005
- Martin Kranzl-Greinecker
Als ich von Frère Rogers Ermordung hörte, fielen mir Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Charles de Foucauld und Olaf Palme ein. Warum werden immer wieder Menschen Opfer eines gewaltsamen Todes, deren Leben der Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit gewidmet war? Kann es sein, dass ihr Gegenbild des Lebens zur totalen Provokation und zur Projektionsfläche der Gewalt wird? Frère Roger lebte, obwohl er das Leben liebte, in der Erwartung des Todes, und seine lebenslange Versöhnungspraxis hat – ohne ihn verklären zu wollen – in den tödlichen Messerstichen des 16. August 2005 einen Höhepunkt gefunden. Im Lauf seines langen Lebens musste sich Roger von vielen geliebten Menschen verabschieden. Besonders stark berührte ihn der Tod von Papst Johannes XXIII. (1963): „Manchmal ist es leichter, seinen eigenen Tod anzunehmen als den eines anderen.“ Bis zu seinem Sterben stand Frère Roger mit beiden Beinen im Leben, war in Taizé von Jugendlichen, Kindern und Gästen umgeben. Sein Leben und seine Hoffnung war Christus. „Der auferstandene Christus kommt, um im Innersten des Menschen ein Fest lebendig werden zu lassen“, schrieb er zu Ostern 1970, als er das Konzil der Jugend ausrief. „Er bereitet uns einen Frühling der Kirche, einer Kirche, die über keine Machtmittel mehr verfügt, bereit mit allen zu teilen, ein Ort sichtbarer Gemeinschaft für die ganze Menschheit. Er wird uns Phantasie und Mut geben, einen Weg der Versöhnung zu bahnen. Er wird uns bereit machen, unser Leben hinzugeben, damit der Mensch nicht mehr Opfer des Menschen sei.“ Nun hat Frère Roger sein Leben hingegeben. In der Regel von Taizé heißt es: „Christus, du öffnest den Weg zum Wagnis.“