Nicht Gesundheitsministerien, Krankenhäuser, Versicherungen, nicht einmal Nobelpreisträger sondern Konzerne wie Google, IBM und Apple werden in der Medizin die Richtung vorgeben, erklärt der Zukunftsforscher Georges T. Roos beim Kongress der Oö. Ordensspitäler.
Ausgabe: 2016/46
15.11.2016
- Josef Wallner
Vor einigen Jahren ist die Nachricht als Kuriosum um die Welt gegangen: Das von IBM entwickelte Computerprogamm „Watson“ nahm an der Quizshow „Jeopardy“ – ähnlich der Millionenshow – teil. In dem dreitägigen Turnier hatten die beiden Rekordchampions Ken Jennings und Brad Rutter gegen „Watson“ keine Chance. Künstliche Intelligenz besiegte menschliche Intelligenz. „Selbstlernenden“ Computerprogrammen wie Watson gehört die Zukunft. Daran gibt es für den Schweizer Roos keinen Zweifel. Nach und nach wird die künstliche Intelligenz alle Lebensbereiche durchdringen. Auch die Gesundheit.
Bedrohte Heilkunst
Die Medizin hat 10.000 unterschiedliche Krankheiten mit bestimmten Symptomen definiert. Wenn „Watson“ pro Sekunde 800 Millionen A4-Seiten lesen und analysieren kann, könnte man ihn zur Erstellung von Diagnosen einsetzen. Kein Arzt kann annähernd so vollständig die Symptome bewerten wie der Computer. Gar nicht zu reden davon, dass er stets auf dem neuesten Stand der Wissenschaft ist. Keine Studie entgeht ihm. Schlägt der Computer in der Diagnostik nicht jeden Arzt? Was ist, wenn Watson nicht nur analysiert, sondern auch Behandlungen vorschlägt – und zwar unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlich vertretbaren Kosten? „Die Medizin wird von der Kunst immer mehr zur datenbasierten Wissenschaft, in der multinationale Internetkonzerne das Sagen haben“, so Roos, der noch einen Schritt weitergeht: „Herzschrittmacher sind für uns selbstverständlich, aber was soll man tun, wenn die Implantate besser werden als das körperliche Organ?“
Kein Entrinnen
Um die Sache noch schwieriger zu machen: Eine Reihe von Anwendungen sind sehr hilfreich wie zum Beispiel das „Vitaldaten-T-Shirt“, das Hochrisiko-Patienten Lebensqualität gibt. Der Zukunftsforscher Roos ist überzeugt, dass Computer bald 80 Prozent von dem machen, was heute Ärzte tun. Dieser Trend lässt sich aus seiner Sicht nicht stoppen, er birgt Chancen und Risiken. Die Gesellschaft ist gefordert, damit umzugehen.
Der Mensch als Geheimnis
Peter Paul Nawroth, Professor am Universitätsklinikum Heidelberg und führender Diabetes -Forscher, stellt sich diesen Herausforderungen. „Der Glaube, dass der Mensch ein Geheimnis ist, ist die Basis unserer Kultur“, betont er beim Ordensspitälerkongress. Er hält es für einen Irrtum zu meinen, mit großen Datenmengen und Statistiken den Menschen ganz durchschauen zu können. Der Respekt vor dem einzelnen Menschen und das Vertrauen, das zu einer Arzt-Patienten-Beziehung gehört, dürfen nicht verloren gehen. Gerade Ordensspitäler können hier einen Kontrapunkt setzen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.