02.08.2017

Gesellschaft

Religion im Feld der Öffentlichkeit

Das, was jemand glaubt, ist Privatsache. Glaubens-, Religions- und Bekenntnisfreiheit sind in Österreich gesetzlich geschützt. Doch „Religion betrifft nicht nur die private Glaubensentscheidung von Menschen“, sagt Marianne Heimbach-Steins. „Sie hat auch einen großen Stellenwert im öffentlichen Leben einer von religiöser Vielfalt geprägten Gesellschaft“, meint die Theologin, die heuer bei den Salzburger Hochschulwochen das Thema „Religion zwischen Privatheit und Öffentlichkeit“ in den Blick nimmt.

Die Theologin Marianne Heimbach-Steins ist Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Professorin für Christliche Sozialwissenschaften.

Unterschiedliche religiöse Bekenntnisse stellen sich unterschiedlich dar. Das führt in der Öffentlichkeit oft zu Konflikten.

Wann wird Religion öffentlich?

Marianne Heimbach-Steins: In dem Moment, in dem das, was jemand glaubt, sich Ausdruck verschaffen will nach außen – durch gemeinsames Handeln, durch gemeinsame Bekenntnisse, Riten, Symbole und durch erklärte Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft oder Kirche. Es kann sein, dass jemand sich aus religiöser Überzeugung in bestimmten gesellschaftlichen Feldern engagiert, diakonisch handelt, sich für Menschen einsetzt, die in schwierigen Situationen sind – für Flüchtlinge, für arme Menschen, für Obdachlose, für Menschen mit Behinderung. Da spielen die religiösen Motivationen vielfach eine Rolle.

Aber nicht nur ...

Marianne Heimbach-Steins: Es gibt natürlich Menschen, die ohne religiöse Bindung sich in solchen Bereichen engagieren; das soll in keiner Weise abgeschwächt werden. Aber es gibt doch viele Menschen, die gerade aus ihrem religiösen Glauben heraus, aus einer bestimmten Grundhaltung der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit heraus sozial und politisch aktiv werden. Und das tun auch die Kirchen und andere religiöse Gemeinschaften, dass sie sich für bestimmte Anliegen öffentlich einsetzen, die Stimme erheben, Kritik üben an Zuständen, die aus der eigenen Überzeugung heraus als nicht gut angesehen werden – dann sind wir mitten im öffentlichen Raum. Unsere Rechtsordnungen und die religiösen Akteure selber gehen davon aus, dass das grundsätzlich legitim ist.

In der Gesellschaft wird das oft in Frage gestellt ...

Marianne Heimbach-Steins: Ja, weil wir es heute nicht mehr nur mit einem religiösen Bekenntnis zu tun haben, das dominiert – das Christentum und die christlichen Kirchen waren in Österreich und auch in Deutschland lange die Repräsentanten von Religion in der Öffentlichkeit –, sondern mit einer Vielfalt; und das nicht erst seit die Flüchtlinge in unsere Länder gekommen sind. Wir haben große muslimische Gemeinschaften, eine wieder deutlich sichtbare jüdische Gemeinschaft und viele kleine und neue religiöse Akteure, die ihrerseits auch den Anspruch erheben, und zu Recht erheben, dass ihre Religiosität in der Öffentlichkeit erkennbar sein darf. Das führt natürlich unter Umständen zu Konflikten, und manche Personen in der Gesellschaft reagieren darauf, indem sie sagen, das ist alles zu schwierig oder der säkularen Gesellschaft nicht angemessen und deshalb soll das Religiöse in den Raum der Privatsphäre zurückgedrängt werden.

Sind Sie auch dieser Meinung?

Marianne Heimbach-Steins: Nein, ich meine, dass die Auseinandersetzung um Bekenntnisse und um die Konsequenzen von Bekenntnissen durchaus in die Öffentlichkeit gehört. Zum einen weil Religion grundsätzlich eine soziale Dimension hat und sie nicht gelebt werden kann ohne ein gewisses Maß an Sichtbarkeit, an Ausdrucksmöglichkeit. Und damit kommt man zwangsläufig in die Öffentlichkeit. Zum anderen meine ich, dass Religion, dass Glaube, dass religiöse Bekenntnisse trotz aller Ambivalenzen doch eine Dynamik in der Gesellschaft entfalten, die wesentlich zur Entwicklung eines humanen Zusammenlebens beitragen kann. Das ist so etwas wie eine Ressource für die Gesellschaftsentwicklung und die kann nie einlinig sein; deshalb wird es Auseinandersetzungen geben.

... im öffentlichen Raum.

Marianne Heimbach-Steins: Die gehören in den öffentlichen Raum. Dazu sind Rahmenbedingungen notwendig, damit diese Auseinandersetzungen in einer Weise ausgetragen werden können, die die Gesellschaft verträgt. Es braucht unbedingt das Recht auf religiöse Freiheit, das vom Staat geschützt werden muss; und zwar nicht nur als Glaubens- und Bekenntnisfreiheit – das heißt, dass jede Person frei ist, sich zu einem Glauben zu bekennen oder keinem Glauben zu bekennen –, sondern auch als Freiheit, die Religion auszuüben. Das heißt, dass der Staat sich selbst im Urteil über religiöse Bekenntnisse zurückzuhalten hat, so lange sie nicht in einer krassen Weise missbräuchlich eingesetzt werden, um diese Freiheitsordnung, die auch den religiösen Austausch und die religiöse Auseinandersetzung schützt, zu untergraben.

Dazu braucht es gegenseitigen Respekt ...

Marianne Heimbach-Steins: Es ist zwingend erforderlich, dass man einander, egal was jemand glaubt und bekennt, respektvoll begegnet; dass Andersdenkende, Andersglaubende respektiert werden als Personen mit einem bestimmten religiösen Profil; dass das, was man selber nicht glaubt und vielleicht sogar grundfalsch findet, als etwas toleriert wird, was einem anderen heilig ist. Und das Ganze in den Grenzen von Gewaltfreiheit. Sobald Religion missbraucht wird, um Gewalttätigkeit zu rechtfertigen, um den Respekt vor dem anderen zu untergraben, muss eine Grenze gezogen werden. Hier ist wiederum der Staat gefragt, aber sicherlich auch diejenigen, denen dieses Recht, dieser Freiheitsraum etwas bedeutet. Da müssen alle nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch daran arbeiten, dass diese Grundlagen erhalten bleiben.

Was sind die Hintergründe für die Problematik religiöser Vielfalt im öffentlichen Raum? Es kommt ja immer wieder zu Konflikten ...

Marianne Heimbach-Steins: Wir haben in unseren Gesellschaften zu tun mit verschiedenen Symbolisierungen von Religiosität, z. B. durch Kleiderordnungen. Selten ist es der Fall, dass Menschen in unseren Kulturen Anstoß daran nehmen, wenn ein Mönch oder eine Nonne im Habit auftreten. Das war bis jetzt kein Problem. Wenn Musliminnen mit Kopftuch oder mit umfassenderen Körperverhüllungen wie der Burka in der Öffentlichkeit auftreten, dann wird es eng. Dann haben viele das Gefühl, hier werden Grenzen überschritten, die wir in unserer offenen Gesellschaft nicht überschritten wissen wollen; wo man sagt, das passt nicht in unsere Gesellschaft. Und da entstehen Auseinandersetzungen. Das sind komplexe Prozesse, denn es ist nicht einfach ausgemacht, was z. B. das Kopftuch ist, sondern es ist ein Frage von Deutungen.

Und die Deutungen sind konfliktbeladen ...

Marianne Heimbach-Steins: Je nachdem, wie man deutet und darauf bestimmte Regeln gründet, hat das erhebliche Konsequenzen für die Möglichkeiten der Betroffenen, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben; in der Schule präsent zu sein; einen bestimmten Beruf auszuüben; in der Freizeit sich zu zeigen oder nicht zu zeigen. Denken wir an die merkwürdige Debatte um die Bekleidungsvorschriften am Strand in Südfrankreich, wo die Burkinis, die Badebekleidung für Musliminnen, verboten sind. Da wird dann schon mal kommentiert, das sei unfranzösisch und das hat nichts mehr mit Religion zu tun, sondern mit nationalen Vorstellungen von Identität; außerdem werden bestimmte Geschlechterrollenmuster mit diesen Regeln gewählt oder abgewählt. Es hat weitreichende soziale Konsequenzen, wie man mit diesen religiösen Konflikten umgeht. Das ist ein gesellschaftsethisch hochbrisantes Thema.

Welche Rolle, denken Sie, wird Religion in Zukunft in Europa spielen?

Marianne Heimbach-Steins: Ich glaube, dass Religion insgesamt wichtig bleiben wird in Europa, weil es einerseits diese Verknüpfungen gibt zwischen Politik und Religion in einigen Bereichen, die man durchaus problematisch finden kann. Und andererseits weil die Kirchen und auch andere religiöse Repräsentanten garantierte Strukturen haben, die europäische Öffentlichkeit und Gesellschaft mitzugestalten und darauf Einfluss zu nehmen. Und das ist meiner Meinung nach gut, weil Religion ein wesentlicher Faktor im Leben vieler Menschen ist, auch wenn es manche gibt, die das für sich persönlich ablehnen. Die Suche nach Sinn, nach Deutungsmustern, die Debatte über Werte ist nicht unwesentlich durch Religion mitgeprägt und wird das vermutlich auch in Zukunft sein. Insofern halte ich es für richtig und wichtig, dass auch im Rahmen europäischer Regelungen nicht nur für die einzelnen Gesellschaften, sondern auf der Ebene einer europäischen Ordnung, die erst im Werden ist, auch weiterhin der religiösen Praxis und der Repräsentation von Religion im Feld der Öffentlichkeit ein Platz gesichert wird. «

„Es ist zwingend erforderlich, dass man einander, egal was jemand glaubt und bekennt, respektvoll begegnet.“

Marianne Heimbach-Steins

Bildquelle: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Martin Zaune, reuters

Autor/in:  Interview: Susanne Huber

Keywords: 2017/31

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