30.03.2017

Gesellschaft

„Ich konnte diese Heuchelei nicht mehr sehen“

Im Frühling haben sie wieder verstärkt Saison: kommerzielle Spendenwerber, die auf der Straße und an der Haustür um Spenden bitten und damit Profit machen. Kevin Brutschin war früher selbst Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und kritisiert diese Form der Auslagerung des Spendensammelns.

Kommerzielle Spendenwerber. Im Gegensatz zu den ehrenamtlichen Haussammlern der Caritas verdienen sie auf Provision nach Anzahl der abgeschlossenen Spendenaufträge.

Der Schweizer Lehrer Kevin Brutschin kritisiert profitorientierte Spendensammelfirmen.


Was machen die professionellen Spendensammelfirmen Ihrer Meinung nach falsch?

Kevin Brutschin: Der grundlegendste Fehler ist, sich überhaupt bei einer kommerziellen Sammelfirma anstellen zu lassen, anstatt direkt bei einer Non-Profit-Organisation. Denn diesen „profit“-orientierten Agenturen geht es ja eben um „Gewinnmachen“ und gar nicht um den allgemeinen Nutzen. Dies geben sie lediglich vor. Diese Fundraising-Agenturen handeln eigennützig, obwohl sie sich im gemeinnützigen Bereich bewegen. Im Hilfsorganisationssektor geht es aber eben nicht um mich, sondern um den anderen, Hilfsbedürftigen, respektive um „Uneigennützigkeit“ oder noch genauer „Selbstlosigkeit“. Die Verrechnung von Überschüssen für die eigene Tasche lässt sich in diesem Sinne nicht rechtfertigen, deshalb heißt es ja „NON-Profit“ bzw. „kein Gewinn“.


Welche Dimension hat das Thema überhaupt, gibt es viele gemeinnützige Organisationen, die auf kommerzielle Spendenwerber zurückgreifen?

Brutschin: Es gibt nach wie vor viele gemeinnützige Organisationen, die auf externe Spendenfirmen vertrauen. Ihre Budgets sind vielfach unter Druck. Den Organisationen fehlt die Weitsicht, um die Situation mittel- und langfristig zu beurteilen. Die Aktionen sind ja immer noch im Plus. Zwar kläglich wenig, aber was soll’s? Man hat sich eben auch an den „bequemen Service“ gewöhnt. Manche NGOs sind zu bequem und arrogant, die Kampagnen wenigstens selbst durchzuführen, obwohl das erwiesenermaßen billiger käme: Zu mühsam und undankbar ist der Sammlerjob. Eine Schande. Außerdem ist Fehlerzugeben für normalerweise moralisch auf der besseren Seite stehende Menschen offenbar extrem schwierig.


Sie waren selbst bei einer großen Schweizer Hilfsorganisation angestellt. Wieso haben Sie der Branche den Rücken zugekehrt? 

Brutschin: Mein Ärger über diese Zusammenarbeit von gemeinnützigen Organisationen mit eigennützigen Sammelfirmen hatte einfach ein Übermaß erreicht. Ich konnte und wollte diese Heuchelei einfach nicht mehr sehen. Diese Hilfsorganisationen verraten ja ihre eigenen Werte! Denn was interessiert die Spendenfirmen schon anderes als Geld? Die machen nichts anderes als „Big Business unter dem Deckmantel der guten Sache“. 


Die Spenden kommen zu einem großen Teil nicht der eigentlichen Sache, sondern den Sammlern zugute?

Brutschin: Wer vor allem gutes Geld damit verdient, sogar unverschämt gut, sind die Spendenfirmenbosse. Bei den Keilern hingegen sieht’s inzwischen anders aus. Die verdienen viel weniger als früher. Heute sind nur noch die Top-Sammler überbezahlt. Das hat damit zu tun, dass sie Provisionen erhalten, d.h. leistungsabhängig bezahlt werden. Und im Vergleich zu früher nur noch wenige Leute mitmachen. Genau genommen haben die Sammlungen mit Keilern gar keinen Sinn mehr, da sie sich demzufolge kaum mehr rentieren für die Hilfsorganisationen. Doch deren Selbsterhaltungstrieb ist leider stärker als die Vernunft.  


Jetzt könnte man sagen: Provisionen für Mitarbeiter sind in der Wirtschaft ja ganz normal.

Brutschin: Ein Spendensammler im Hilfsor­ganisationsbereich sollte aus Idealismus gute Leistung zeigen, d.h., weil es ihm um die gute Sache geht. Dann braucht er ja gar keine zusätzliche Provision. Ein moderates Festgehalt müsste genügen. Was sich in der Wirtschaft bewährt, heißt eben noch lange nicht, dass das dann auch im gemeinnützigen Bereich so ist, da beiden Bereichen ein unterschiedliches Wertesystem zugrundeliegt. Dessen ungeachtet hat im Hilfsorganisationsbereich eine weitgehende „Kommerzialisierung“ stattgefunden.


Wie lange dauert es bei einem Spendendauerauftrag, der bei Werbern abgeschlossen wird, bis das Geld tatsächlich der Hilfsorganisation zugute kommt?

Brutschin: Eine Kennziffer, die sehr schön die stetige Verteuerung solcher Kampagnen deutlich macht, ist die Zeit, die vergeht, bis die Kosten einer Aktion durch Spendeneinnahmen gedeckt sind. Die in Österreich weit verbreitete Falschannahme ist, diese würde ein Jahr betragen. Oder: Ein Spender gäbe seine erste Jahresspende quasi der Agentur. Tatsächlich stimmt das längst nicht mehr. Es sind heute zwei bis drei Jahre. Viele Fundraisingagenturen haben Fixpreise für die Spendenaktionen. Somit verdienen die Agenturen immer gleich viel, obwohl sie immer weniger Neuspender finden. Ihr prozentualer Anteil an den sich verringernden Spendeneinnahmen nimmt damit also sogar zu.


Sollten die Passanten, die von den Spendenwerbern angesprochen werden, nicht zumindest aufgeklärt werden über das dahinterliegende Modell?

Brutschin: Natürlich müssten sie das. Wobei vor allem die grundlegendere Problematik, eben dass überhaupt profitorientierte Institutionen diese Arbeit machen, transparent gemacht werden müsste. Denn Ehrlichkeit ist das A und O im Hilfsorganisationsbereich. Das Arbeitsverhältnis müsste also den Angeworbenen klar sein. Am besten über schriftliche Hinweise, insbesondere auf dem auszufüllenden Mitgliedsformular, und zwar – und das ist entscheidend – „gut sichtbar“. Denn sonst wird die Spenderschaft schlicht hinters Licht geführt bzw. getäuscht.  


Wie kann man als Angesprochener erkennen, wer auf kommerzielle Spendensammler zurückgreift?

Brutschin: Hier muss man genau hinschauen, ob „versteckt“ schriftliche Hinweise auf eine durchführende Werbefirma zu finden sind. Man kann aber auch einfach fragen: Meiner Erfahrung nach sind die meisten Sammler wenigstens noch so ehrlich und geben ihre Identität preis, wenn man konkret danach fragt. Allerdings: Ich selbst bin ein paar wenige Male auch schon angelogen worden.


Die Beschwerden in der Bevölkerung über kommerzielle Spendenfirmen häufen sich jedenfalls.

Brutschin: Mindestens seither müsste auch von staatlicher Seite endlich beherzt interveniert werden.


Was wären Alternativen, damit Organisationen zu Spendern kommen?

Brutschin: Da fällt mir nichts anderes dazu ein, als ein wirklich vielversprechendes Hilfsprojekt zu haben, kombiniert mit absoluter Integrität. Nur wenn eine Hilfsorganisation zu 100 % glaubwürdig agiert, kann sie heute noch überleben. In jenem Fall spenden nämlich schon viele Leute von sich aus – also z.B. aufgrund einer Präsentation in den Medien, d.h., ohne dass man speziell auf sie zugehen muss. 

„Spendenfirmen machen Big Business unter dem Deckmantel der guten Sache.“ 

Zur Sache

Wie es die Caritas ohne „Keiler“ schafft

Die Caritas ist eine jener Hilfsorganisationen, die konsequent auf bezahlte Sammler von Fundraising-Agenturen verzichtet. „Für uns sind kommerzielle Spendenfirmen tabu, damit würden wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren“, sagt Franz Kehrer, Direktor der Caritas. Die Spendensammler der Caritas, die ausschließlich zur Haussammlung im April und Mai unterwegs sind, sind Mitarbeiter/innen aus den Pfarren, die ehrenamtlich sammeln gehen. Das heißt, sie verdienen keinen Cent mit dieser Tätigkeit. An Ausgaben für Spendenwerbung, etwa in Form von Broschüren, kommt natürlich keine Hilfsorganisation vorbei. Die Caritas versucht dabei ihre Infoarbeit über ihre Projekte glaubwürdig zu gestalten und die Kosten dafür in vertretbarem Rahmen zu halten. Bei der Caritas-Haussammlung im Frühjahr sind 6000 Ehrenamtliche flächendeckend im ganzen Bundesland unterwegs. Einer von ihnen ist Caritas-Direktor Franz Kehrer, der in seiner Freizeit für die Caritas-Projekte an der Haustür klingelt. Haussammler müssen ein etwai­ges Nein der Menschen akzeptieren, dürfen nicht aufdringlich sein, stellt Kehrer klar.  


Spenden absetzen 

Ab 2017 registriert das Finanzamt automatisch absetzbare Spenden. Diese Summen können ab dem Lohnsteuerausgleich für 2017 berücksichtigt werden. Voraussetzung ist bei Spenden aber, dass die Empfängerorganisation Name und Geburtsdatum des Spenders kennt. Wer nicht will, dass die Finanz von Spenden erfährt, kann die Weitergabe der Daten untersagen.

Bildquelle: Fotolia//dan race; Privat

Autor/in:  Interview: Paul Stütz

Keywords: 13/2017

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