14.08.2017

Gesellschaft

Große Unterschiede zwischen muslimischen Gruppen

Rund 700.000 Muslime leben in Österreich. Allerdings kann man diese Gruppe nicht über einen Kamm scheren, wie eine Studie im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds zeigt.

Univ.-Prof. Peter Filzmaier lehrt unter anderem an der Donauuniversität Krems.

Auch die muslimischen Flüchtlinge (Bild aus dem Jahr 2015) kommen aus unterschiedlichen religiösen Milieus.

„Pauschalaussagen über ‚die‘ Muslime wären genauso falsch wie Aussagen über ‚die‘ Frauen, ‚die‘ Männer oder ‚die‘ Katholiken“, sagt der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, der gemeinsam mit Flooh Perlot Autor der Studie ist. „Die Unterschiede je nach Herkunftsland waren sogar stärker ausgeprägt, als wir das erwartet hatten.“
Grundsätzlich zeigt der vergangene Woche präsentierte Forschungsbericht zur Umfrage unter 1129 Personen, dass man zwischen schon länger nach Österreich eingewanderten Gruppen (mit bosnischem und türkischem Hintergrund) und Menschen unterscheiden muss, die stark durch die Fluchtbewegungen der letzten Jahre gekommen sind (Syrer, Afghanen, Iraker, Iraner oder Somalier).

Türkei und Bosnien

Aber selbst innerhalb dieser zwei Hauptgruppen gibt es große Unterschiede: Während sich zum Beispiel 78 Prozent der befragten Türk/innen als sehr oder eher gläubig beschreiben, sind es nur 51 Prozent der Befragten aus Bosnien und Herzegowina. Die Ehre der eigenen Familie halten 60 Prozent der türkischen Befragten für sehr wichtig, aber nur 20 Prozent der bosnischen. Dass der Partner/die Partnerin muslimisch ist, halten 48 Prozent der türkischen, aber nur 24 Prozent der bosnischen Befragten für wichtig.
Auch in der Gruppe der Flüchtlinge der letzten Jahre gibt es erhebliche Unterschiede. Für die Gleichstellung der Geschlechter gibt es zwar insgesamt unter den Befragten eine klare Mehrheit. Aber dass Frauen und Männer in jeder Hinsicht gleichgestellt werden sollten, finden Flüchtlinge aus Somalia deutlich weniger als andere – ebenso die Notwendigkeit der Gleichberechtigung aller Religionen. Menschen aus Tschetschenien, Syrien und Somalia finden eher, dass Buben und Mädchen keinen gemeinsamen Schwimm- und Turnunterricht haben sollten als zum Beispiel jene aus dem Iran. „Die Befragten aus dem Iran zeigen insgesamt eine geringere Prägung durch den Glauben, obwohl dieser einen großen Stellenwert im Iran hat. Das bedeutet, dass die These, wonach die Religiosität einfach aus dem Herkunftsland mitgenommen wird, so nicht stimmt“, sagt Filzmaier gegenüber der KirchenZeitung.

Demokratie

Klare Mehrheiten in allen Gruppen sprechen sich dagegen aus, dass ein religiöser Gelehrter an der Staatsspitze stehen sollte. Dem Satz, dass es egal sei, ob man in einer Demokratie lebt, stimmen jedoch 18 Prozent der befragten Flüchtlinge der letzten Jahre, 11 Prozent der türkischen und 12 Prozent der bosnischen Befragten zu. „Natürlich sind das zu hohe Werte“, sagt Filzmaier, ergänzt aber: „Es kommt auch auf die faire Vergleichsgröße an: Unter österreichischen Wahlberechtigten sind die Werte gleich hoch, zum Teil sogar ein bisschen höher. Integrationsbemühungen scheinen mir eher in Alltagsdingen wichtig zu sein. Denn diese erschweren die Integration Tag für Tag.“ Insgesamt zeige die Studie, dass man zielgruppenorientiert vorgehen müsse, sagt der Politologe: „Die Gruppen sind einfach so unterschiedlich.“

Studie unter: www.integrationsfonds.at

Bildquelle: A&W; Reuters

Autor/in:  Heinz Niederleitner

Keywords: 2017/33

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