15.08.2014

Glaube

Gott zuerst dienen

Amerikanische Friedensaktivisten kamen zum Jägerstätter-Gedenken am 9. August nach St. Radegund. Unter ihnen die Tochter von Ben Salmon, eines Katholiken, der die Teilnahme am Ersten Weltkrieg verweigerte. Seine Geschichte hat erstaunliche Parallelen zu Franz Jägerstätter.

Die Gäste aus den USA beim Grab von Franz und Franziska Jägerstätter in St. Radegund: Prof. Michael Baxter, Professor an der DePaul University in Chicago (von rechts), die Friedensaktivistin Patricia McSweeney und Sr. Elizabeth Salmon mit Maria Dammer, Jägerstätter-Tochter und Domkapitular Maximilian Mittendorfer.

Drohnen haben die Kriegsführung verändert.

Am Christtag des Jahres 1917 erhielt der 28-jährige Ben Salmon ein Schreiben vom Staat. Es war der Einberufungsbefehl. Wenige Tage später warf er einen folgenschweren Brief in den Postkasten. Er werde der Einberufung nicht nachkommen, denn Krieg ist mit seinem Konzept von Christentum unvereinbar, schrieb er: „Ich weigere mich absolut das organisierte Morden” – so bezeichnete er den Krieg – „zu unterstützen, direkt oder indirekt. Ich muss Gott zuerst dienen.“ Am 5. Jänner 1918 wurde der jung verheiratete Ehemann verhaftet und zum Tod verurteilt. Später wurde die Todesstrafe zu 25 Jahren Gefängnis umgewandelt, schließlich kam er in die Psychiatrie. Erst im November 1920, zwei Jahre nach Kriegsende, wurde er schwer krank entlassen. 1932 starb er an den Spätfolgen der Haft. Wie Franz Jägerstätter besuchte Salmon nur die Grundschule, hatte aber den Mut sich seines Verstandes zu bedienen. Er zerpflückte die Abhandlung eines berühmten Jesuiten über die katholische Lehre vom gerechten Krieg Satz für Satz. Auf 200 eng beschriebenen Seiten legte er seine Überzeugung nieder. „Es ist sein Testament, ein berührendes Zeugnis der Treue zum Gewissen“, sagt Michael Baxter. Der amerikanische Theologe hat in Tarsdorf/St. Radegund über Ben Salmon referiert.

Vor Gottes Gericht

Ben Salmon hat die Ideologie des Kriegs und der Nation durchschaut, erklärt Baxter: „Er war überzeugt, dass der Krieg nicht für die Demokratie, sondern für den Profit der Mächtigen in Amerika geführt wird.“ Salmon war ganz in der Bergpredigt verankert und er setzte die Wirklichkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts in Beziehung zur Ewigkeit: Nicht die nationalen Gerichte, sondern das überirdische Gericht Gottes war für ihn und sein Leben entscheidend. Nur vor Gott wusste sich Ben Salmon verantwortlich.
Nach seinem Tod geriet Ben Salmon – mit einer kurzen Ausnahme während des Zweiten Weltkriegs – in Vergessenheit. Nicht einmal seine eigenen Kinder wussten um die Geschichte des Vaters. Seine Tochter, die 89-jährige Ordensfrau Elizabeth Salmon freut sich heute um so mehr, dass das Lebenszeugnis ihres Vaters wieder Beachtung findet und Ermutigung für heutige Friedensaktivisten ist. Sie sagte in St. Radegund: „Die wahren Helden eines jeden Krieges sind diejenigen, die den Befehl zu töten verweigern – wie mein Vater, Ben Salmon. Wie Franz Jägerstätter war auch er ein Heiliger.“

Zur Sache

US-Christen kämpfen gegen den Krieg heute

Die Beschäftigung mit dem Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter oder mit dem Pazifisten Ben Salmon dient nicht der Befriedigung historischen Inter-esses. Die Auseinandersetzung  mit diesen Zeugen des Gewissens ist für viele Menschen Anstoß, sich mit dem Thema Krieg und Frieden heute kritisch zu befassen. In den USA hat sich um Jack Gilroy die Gruppe der „Friends of Franz“ gebildet. Die Mitglieder setzen sich im Geist von Franz Jägerstätter in ihrer Heimat gegen die atomare Rüstung und gegen die Kriegsführung mit bewaffneten Drohnen ein, wie sie vor allem in Afghanistan verwendet werden.

Mit der Härte des Gesetzes

Wer in diesem Bereich den Staat in Frage stellt, hat mit harten Reaktionen zu rechnen. Erst im Februar 2014 wurde die 84-jährige Nonne Megan Rice zu fast drei Jahren Haft verurteilt, weil sie in einen Militärkomplex für Atomwaffen eingedrungen war und die Wand eines Gebäudes besprüht hatte. Patricia McSwenney (auf dem linken Bild), Mitglied der „Friends of Franz“, betreut nun die betagte Nonne im Gefängnis. Jack Gilroy wurde verurteilt, weil er vor einer Kommandozentrale von Drohnen protestiert hat. Von diesem Militärkomplex mitten in den USA aus wird über Leben und Tod von Menschen in Afghanistan entscheiden. Gilroys Strafausmaß wird bald bekannt gegeben.

Bildquelle: KIZ/JW; Wall321.com

Autor/in:  Josef Wallner

Keywords: 33/2014, Jägerstätter, Ben Salmon, Weltkrieg, Gedenken, Kriegsdienstverweigerung, Friends of Franz

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