31.03.2015

Kirche

Es wird keinen Schlussstrich geben

Das Stift Kremsmünster stellte ihren Missbrauchsbericht vor. Klarer kann man nicht zeigen, dass den Mönchen die Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchs in Internat und Schule ernst ist. Obwohl die Ereignisse seit 2010 bekannt sind – das Ergebnis ist aufs Neue erschütternd.

Das Stift Kremsmünster stand durch die Veröffentlichung des Missbrauchsberichts wieder im Fokus der Medien.

Abt Ambros Ebhart OSB.

Auf exakt 273 Seiten listen die Wissenschafter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung die psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt auf, die Jugendliche erleiden mussten. Der Zeitraum der Vorfälle reicht von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 2001, als die letzten Taten sexualisierter Gewalt begangen wurden. Der heute 81-jährige Haupttäter August M. wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hat seine Strafe kürzlich in Krems-Stein angetreten. August M. war aber kein Einzelfall. Insgesamt gelten zwanzig Patres und vier Weltliche als beschuldigte Täter. Zwischen den 1970er und 1990er Jahren kam es zu gehäufter Gewalt, für die eine Gruppe von sieben Patres verantwortlich ist.

Die erschreckende Bilanz

Die Studie zieht ohne Wenn und Aber Bilanz: Kremsmünster hat über Jahrzehnte hinweg fahrlässig die ihm anvertrauten Schüler nicht ausreichend vor pädosexuellen und gewalt­affinen Tätern geschützt. Die vorhandenen Andeutungen und offenen Geheimnisse wurden nicht richtig gedeutet. Selbst aus den expliziten Aufdeckungen vor allem bei sexuellen Missbrauchshandlungen durch Patres wurden keine ausreichenden Konsequenzen gezogen, die Schüler nachhaltig vor pädo­sexuellen Tätern geschützt hätten.
Ein ganzes Bündel von Faktoren ist ausschlaggebend, dass es zu dieser für junge Menschen schrecklichen Situation kommen konnte. Von der Tabuisierung der Sexualität bei den Mönchen über unzureichende päda­gogische Qualifikation der Erzieher bis zur fehlenden Leitungskompetenz der Ordensoberen legten sich Ring um Ring des Schweigens um den Missbrauch.
Prior Maximilian Bergmayr (geboren 1968) war selbst Schüler in Kremsmünster und ist nun Mönch. Das Jahr 2010 erlebte er als Schock: „Es war beschämend und schmerzhaft, sich diesen Tatsachen zu stellen. Wir sind als Klostergemeinschaft bis heute mit der Aufarbeitung nicht fertig.“ Die Gemeinschaft hat inzwischen eine Reihe von Schritten gesetzt: viele Einzelgespräche mit Opfern, die rückhaltslose Zusammenarbeit mit der Klasnic-Kommission – das Stift bezahlte bislang 650.000 Euro an die Opfer – und die Anbringung eine Gedenktafel, die ausdrücklich alle Formen der Gewalt benennt. Nun die Studie, mit der die Benediktiner den
Opfern eine Stimme geben wollen.

Friede nicht zu verordnen

„Trotz aller Bemühungen kann das Stift den Frieden mit den Opfern nicht verordnen“, machten die Wissenschafter unmissverständlich klar: „Man wird nie damit vollkommen fertig werden. Der Dialog mit den Opfern muss aufrechtbleiben.“ Das Stift sollte die Betroffenen und Augenzeugen, die bereit sind zu reden, als Chance wahrnehmen und für die Präventionsarbeit einsetzen, so die Studie. Der Jurist Dr. Franz Staudinger, als ehemaliger Schüler selbst ein Betroffener und Mitglied der Begleitgruppe für die Erstellung der Studie, findet es gut, dass nun das Umfeld der Gewalt gründlich ausgeleuchtet wurde. Er hofft, dass die Studie nicht als PDF-Datei im Internet verschwindet, sondern als Buch gedruckt wird und auch im Klosterladen zu kaufen ist.

"Ich stehe weiterhin für Gespräche zur Verfügung"

P. Ambros Ebhart ist seit 2007 Abt des Stiftes Kremsmünster. Er erklärt die aktuelle Situation.

Wir haben die Studie bei einem externen und unabhängigen Team in Auftrag gegeben, damit wir den Aufarbeitungsprozess glaubhaft vermitteln können.Die Studie aus heutiger Perspektive und mit heutigem Wissen richtet einen Scheinwerfer auf einen schmerzlichen Teil unserer Vergangenheit. Wir müssen nun lernen, mit dieser Wunde zu leben. Sie heilt langsam, für uns alle. Die Studie ist für uns ein Anlass, weiter an einer Gesprächs- und Feedback-Kultur im Kloster zu bauen. Unseren mittlerweile ausgetretenen Mitbruder besuchen wir selbstverständlich im Gefängnis.
In der Schule sind wir seit 2010 dran, intensive Präventionskonzepte umzusetzen. Die steigenden Anmeldungszahlen in den letzten Jahren zeigen, dass die Eltern unseren Weg gutheißen. Im Herbst werden wir erstmals in unserer Geschichte vier erste Klassen haben.
In den letzten fünf Jahren habe ich gemerkt, wie wichtig früheren Schülern ist, dass ihr Leid heute anerkannt wird. Deshalb stehe ich weiterhin jederzeit für Gespräche mit Betroffenen zur Verfügung.

Die Studie findet sich unter:
stift-kremsmuenster.net/2015/03/27/schweigen-aufdeckung-aufarbeitung

Bildquelle: Haijes (2)

Autor/in:  Josef Wallner

Keywords: 2015/14, Stift Kremsmünster, Abt Ambros, Missbrauch

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