09.10.2017

Gesellschaft

Alternativer Nobelpreis

Mit der äthiopischen Menschenrechtsexpertin Yetnebersh Nigussie gehört heuer eine Mitarbeiterin der österreichischen Hilfsorganisation „Licht für die Welt“ zu den Trägern des „Alternativen Nobelpreises“. Im Interview erzählt die blinde Anwältin über die Rolle des Glaubens in ihrem Leben.

Was beeinträchtigte Menschen brauchen, weiß Yetnebersh Nigussie aus eigener Erfahrung

Im Alter von fünf Jahren erblindete sie – wahrscheinlich aufgrund von Meningitis.

Zunächst herzliche Gratulation! Mit welchen Gefühlen gehen Sie dem ersten Dezember entgegen, an die Sie ausgezeichnet werden?
Yetnebersh Nigussie: Das wird sicher ein großer Tag in meinem Leben sein. Für mich ist das ein Geschenk Gottes, das zeigt, dass ich anderen helfen konnte – und das inspiriert mich zum Weitermachen.

Inwiefern wird Ihnen die Auszeichnung helfen?
Nigussie: Sie macht meine Arbeit bekannter und erhöht so die Aufmerksamkeit für die Gleichberechtigung von Frauen und die Inklusion beeinträchtigter Menschen, also ihre Möglichkeiten, am Leben der Gesellschaft voll teilzuhaben.

Zu den Herausforderungen Ihres Lebensweges gehören die Blindheit, das Frau-Sein in einer sehr patriarchalen Gesellschaft und das Aufwachsen in einem Entwicklungsland. Was gab Ihnen die Kraft, diese Schwierigkeiten zu überwinden?
Nigussie: Das entwickelte sich mit der Zeit. Schon meine frühe Kindheit war hier sehr prägend. Als ich mit fünf Jahren blind wurde, brachte man mich in eine katholische Schule für Blinde. Dort wurde uns nicht nur Lesen und Schreiben beigebracht, sondern auch, wie wir leben und uns Gott dankbar erweisen können. Jeden Morgen sprachen wir ein Gebet und es gab Unterricht in ethischen Fragen. Ich wurde also nicht nur mit mathematischen Formeln vertraut gemacht, sondern auch mit Werten und einem Ansporn für mein Leben. Das ist mein „Einstiegskapital“, auf das ich zurückgreife, wenn ich vor großen Herausforderungen stehe.

Sie sind später von der Orthodoxie zum Katholizismus konvertiert. Warum?
Nigussie: Ich würde gar nicht sagen, dass ich konvertiert bin, denn ich bin ja in der Schule praktisch katholisch aufgewachsen. Als ich sah, dass ich ein herausforderndes Leben wählen würde, ging es mir darum, auf welchem Fundament ich das aufbaue. Was lag näher als das, was ich schon in mir hatte?

Ihre erste Schule wurde von katholischen Ordensfrauen geführt. Hat Sie diese weibliche Leitung geprägt?
Nigussie:
Absolut. Für manche scheint ja „weibliche Leitung“ ein Widerspruch in sich zu sein. Aber das war die einzige Form von Leitung, die ich in meiner Kindheit mitbekommen habe. Ich bewundere diese Ordensfrauen sehr: Sie haben uns so angenommen, wie wir sind. Mit großer Hingabe und Ehrgeiz sind sie darangegangen, aus uns starke Persönlichkeiten zu machen, die in der Welt etwas beitragen können. Ich lernte damals Frauen als Anführer und Vorbilder kennen.

Warum haben Sie später gerade Rechtswissenschaften studiert?
Nigussie:
Es wurde damals nicht als Realität akzeptiert, dass ein blinder Mensch an die juristische Fakultät geht. Ich wollte zeigen, dass uns diese Ausbildung möglich ist, und so das Studium für Blinde zugänglich machen. Der zweite Grund lag in der Ungleichbehandlung der Geschlechter. Ich wollte vermitteln, dass Mann und Frau auf der gleichen Stufe stehen.

Im Alter von 24 Jahren haben Sie das Äthiopische Zentrum für Beeinträchtigung und Entwicklung mitgegründet. Was war hierbei Ihr Ziel?
Nigussie:
Es ging uns darum, dass sich Entwicklungsprogramme im Land auch auf die Herausforderungen von beeinträchtigten Personen einstellen. Das Zentrum sammelt Erfahrungen auf lokaler Ebene und gibt diese an die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit weiter. Denn bei der Entwicklungszusammenarbeit ist es wichtig, dass alle Menschen gleichen Zugang haben und niemand auf der Strecke bleibt.

Was kann die Gesellschaft grundsätzlich für Inklusion tun?
Nigussie:
Es steckt mehr dahinter, als Gebäude zu verändern, damit beeinträchtigte Menschen Zugang haben. Das Ziel muss vielmehr sein, die Menschen anders wahrzunehmen und sie nicht auf die Behinderung zu reduzieren. Ein Mensch hat vielleicht eine Beeinträchtigung. Er oder sie hat aber auch viele Fähigkeiten und Talente, von denen die Gesellschaft profitieren kann. Insofern gilt es, diese auch wahrzunehmen. In einem zweiten Schritt ist es wichtig, die Barrieren in der Gesellschaft zu entfernen und für Menschen mit Beeinträchtigung offen zu sein. In der Kirche ist es ja auch wichtig, dass alle gemeinsam an der heiligen Messe teilnehmen können. Alle Dienste und Angebote der Gesellschaft sollten also inklusiv gestaltet sein, also jedem vollen Zugang bieten. Wenn wir in diesem Sinne achtsam sind, profitiert ein großer Personenkreis von Einrichtungen für beeinträchtigte Menschen, etwa schwangere Frauen oder ältere Menschen. Außerdem sollten wir nicht immer wiederholen, dass der Weg bis zur inklusiven Gesellschaft noch weit ist. Wir sollten auch Erreichtes gemeinsam feiern.«

Yetnebersh Nigussie

Die 35-jährige äthiopische Anwältin und Menschenrechtlerin erblindete, als sie fünf Jahre alt war. In Sha­shemene besuchte sie eine katholische Blindenschule. Schon in der Schulzeit zeigte sie soziales Engagement, studierte später Rechtswissenschaften, Sozialarbeit und machte einen Abschluss in Friedens- und Sicherheitsstudien. 2005 gründete sie mit anderen das Äthiopische Zentrum für Beeinträchtigung und Entwicklung. Sie setzt sich für die Inklusion beeinträchtigter Menschen und für Gleichberechtigung von Frauen ein. Heute ist sie für den Bereich Inklusion in der Organisation „Licht für die Welt“ verantwortlich. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.


„Alternativer Nobelpreis“

Der Preis heißt eigentlich „Right Livelihood Award“ (Preis für die richtige Lebensweise) und wurde 1980 von Jakob von Uexküll in Anlehnung an die Nobelpreise gegründet. Er zeichnet Beiträge zur Gestaltung einer besseren Welt aus (Umweltschutz, Menschenrechte). Unter den bisherigen Preisträgern ist unter anderem Bischof Erwin Kräutler. Neben Yetnebersh Nigussie werden heuer auch die aserbaidschanische Journalistin Khadija Ismayilova und der indische Menschenrechtsanwalt Colin Gonsalves ausgezeichnet. Sie teilen sich das Preisgeld von rund 315.000 Euro, das für ihre Arbeit zu verwenden ist. Einen Ehrenpreis erhält der US-Amerikaner Robert Bilott.


„Licht für die Welt“

Die aus Österreich stammende Nichtregierungsorganisation bekämpft Blindheit in Entwicklungsländern durch die Ermöglichung von Operationen und Ausbildung von Fachärzten, bietet Zugang zu Sehbehelfen und Medikamenten und setzt sich für die Inklusion behinderter Menschen ein.

Bildquelle: Licht für die Welt/ecdd, Studio Casagrande

Autor/in:  Interview: H. Niederleitner

Keywords: 2017/40

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