19.05.2017

Gesellschaft

70 Jahre Jungschar: spielen, singen und für die Kinderrechte kämpfen

Seit 70 Jahren können Mädchen und Buben bei der Katholischen Jungschar Freunde finden, Spiele ohne Verlierer spielen und das große Abenteuer der Jungscharlager erleben. Die KirchenZeitung beschreibt die größte Kinderorganisation des Landes in zehn prägnanten Punkten.

Auf die Weltkugel springen. Seit Jahrzehnten ein typisches, beliebtes Jungscharspiel.

Robert Blöchl, Kabarettist.

Stefanie Poxrucker, Musikerin.

Peter Rapp, Unterhaltungslegende.

1 Die Anfänge. Als Willy Lussnigg 1947 die Jungschar gründete, bedeutete das nicht weniger als eine pädagogische Revolution. Denn in den Nachkriegsjahren wirkte das Ideal der Nazierziehung noch stark nach, bei dem harte Strafen für die Kinder auf der Tagesordnung standen. Die promovierte Juristin Lussnigg – das Theologiestudium war der 1909 Geborenen verwehrt – setzte dem ihr liebevolles Konzept, bei dem die Kinder ohne Zwang spielen, singen und beten konnten, entgegen. Im Mittelpunkt stand die Beziehung zu den Gleichaltrigen und das Vorbild der Jungscharleiter. Ein Prinzip, das seither weiterentwickelt wurde, aber immer noch Gültigkeit hat und viel von der Attraktivität der Jungschar ausmacht.

2 Das Jungscharlied. „Es ist schön, solche Freunde zu haben, es ist schön, nicht allein zu sein, la lala lalala ... Alle, die in den 1980er Jahren oder später bei der Jungschar waren, kennen dieses Lied. Verfasst hat den Ohrwurm der steirische Kabarettist, Regisseur und Schriftsteller Leo Lukas. Das Jungscharlied ist bis heute fixer Bestandteil von Lagern und Gruppenstunden.

3 Spielerischer Zugang. Keine Gruppenstunde ohne Gruppenspiele. „Bei der Jungschar können sich die Kinder ausprobieren und herausfinden, wo ihre Stärken liegen. Außerdem beteiligen die Jung­scharspiele möglichst viele Kinder und es gibt in der Regel keine Verlierer“, erklärt Mayella Gabmann, Abteilungsleiterin der Katholischen Jungschar. „Löwenjagd“ oder „Riesen, Elfen und Zauberer“ heißen diese kooperativen Spiele. Erdball, Schwungtuch oder Kirschkern-Weitspucken zählen ebenso zu den Jungschar-Spieleklassikern.
Als eine der ersten Organisationen sprach sich die Jungschar im Übrigen gegen gewaltverherrlichendes Spielzeug aus. 1981 plakatierte sie „Kauft kein Kriegsspielzeug!“. Dazu wurde auch eine Broschüre gestaltet, die Eltern Tipps für das friedliche Spielen gab.

4 Sternsingeraktion. Die ­Sternsinger verbinden Brauchtum und Tradition mit solidarischem Handeln. Die Drei Könige sind eng mit der Katholischen Jungschar verbunden. 16.000 Mädchen und Buben gehen in Oberösterreich jährlich als Sternsinger. Es handelt sich um die viertgrößte Spendenaktion Österreichs. Im vergangenen Jahr wurden in Oberösterreich 3,4 Millionen Euro ersungen, österreichweit waren es 17,1 Millionen. 500 Entwicklungsprojekte in Afrika, Lateinamerika und Asien werden mit Sternsinger-Geld unterstützt.

5 Jungscharlager. Für viele Kinder bedeutet das Jungscharlager zum ersten Mal ohne Eltern von zu Hause weg zu sein. Geboten wird eine Woche mit Spielen, Schnitzeljagd und abendlichen Lagerfeuern. Alle paar Jahre veranstaltet die Jungschar in Oberösterreich ein Großlager. Das letzte Mal fand es im Sommer 2014 mit 1300 Kindern in Linz statt.

6 Glaube. „Durch das gemeinsame Erleben wird der Glaube vermittelt“, erklärt Mayella Gabmann. Missioniert wird bei der Jungschar also nicht. Die Jungschar bemüht sich, Kindern einen lebendigen und frohmachenden christlichen Glauben zu vermitteln. Drei Dinge sollen konkret erfahrbar sein: das Vertrauen in einen guten Gott, das von gegenseitigem Respekt und liebevoller Zuwendung bestimmte Miteinander in der Pfarrgemeinde und das entschiedene Engagement für soziale Gerechtigkeit und Frieden.

7 Kinderlobby. Am Beginn der 1990er Jahre wurden Kinderpartizipation und Kinderrechte zu einem bedeutenden Arbeitsschwerpunkt der Jungschar. Am 20. November findet jährlich der Tag der Kinderrechte statt. Die Jungschar greift zu diesem Anlass immer einen Artikel der UN-Kinderrechtskonvention auf und stellt Forderungen an Politik und Gesellschaft. Heuer war das Motto „einfach Kind sein!“ Alle Kinder haben die gleichen Rechte und kein Kind darf diskriminiert werden (Artikel 2). Viele Kinder, aber auch Erwachsene wissen nicht, dass Mädchen und Buben dieses Recht haben, sieht die Jungschar hier Aufholbedarf.

8 Beliebte Jungschar. Der Zulauf zur Jungschar ist ungebrochen groß, in den letzten Jahren stieg die Zahl der Jungscharkinder sogar leicht an. Mehr als 20.000 Kinder sind bei der größten Kinder- und Jugendorganisation des ­Landes, zwei Drittel davon sind Mädchen.

9 Ministrant/innen gehören ebenfalls zur Jungschar-Organisation dazu. 10.700 Buben und Mädchen machen ihren Dienst am Altar, wobei das Geschlechterverhältnis sich ziemlich genau die Waage hält. Erst in der 1970er Jahren trauten sich die ersten Pfarren in Oberösterreich, Mädchen an den Altar zu lassen. Heute ist das längst eine Selbstverständlichkeit.

10 Das Fest. JuMiläum – so nennt sich das Jungschar- und Ministrant/innen-Jubi­läumsfest, das am 20. Mai begangen wird: 1500 Ministrant/innen, Jungschar­kinder und Gruppenleiter/innen feiern den 70. Geburtstag der Jungschar in der Linzer Innenstadt. Gestartet wird mit einem gemeinsamen Gottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer.

Prominente über ihre Jungscharzeit

Ich war in der Linzer Dompfarre bei der Jungschar. Gemacht haben wir die verschiedensten Dinge, von Jugendmessen vorbereiten, Weitwanderungen, Theaterbesuchen, Fußball spielen. Unsere damalige Jungscharleiterin Barbara Aumüller, die bis heute eine liebe Freundin ist, hat uns immer zur Aktivität ermuntert und uns im besten Sinn des Wortes „begleitet“. Ich habe damals zum Gitarrespielen angefangen und begonnen, einen Zugang zur Kunst zu entdecken.

Die Möglichkeit, neue Türen und Zugänge in diesem Alter aufgezeigt zu bekommen, hat mein weiteres Leben positiv beeinflusst. Natürlich sehe ich nicht mehr alle Leute aus meiner Jungschargruppe regelmäßig, aber wenn wir uns sehen, bleibt doch meist Zeit für ein Gespräch und ein Bier oder eine Tasse Kaffee, je nach Tageszeit.

Robert Blöchl

Bei uns in der Jungschar in Niederwaldkirchen wurde viel gesungen, gelacht, gespielt. Ich kann mich noch erinnern an Lieder über Vielfalt und Gemeinschaft, Workshops zum Thema „Sucht“ oder ein Girls Fotoshooting. Meine Jungscharleiterin Nicole war auch meine Großcousine und Nachbarin und wurde dann auch meine Firmpatin. Wir bereiteten gemeinsam Gottesdienste vor und sprachen über Gott und die Welt. Wir waren eine sehr vertraute Gruppe. Nicole war für uns ein Vorbild, wir konnten uns auf sie verlassen und sie war für uns da. Die Jungschar war für mich ein Ort, wo ich sein konnte, wie ich bin, und wo ich eine wunderbare Zeit erlebte. Unsere Gruppe startete nach der Erstkommunion und wir blieben bis nach der Firmung zusammen. Bis heute sind wir Mädls aus der Jungschargruppe als Freundinnen verbunden.

Stefanie Poxrucker

Meine Zeit bei der Jungschar in Wien-St. Stephan gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Als Kind, das in dem letzten Kriegsjahr geboren wurde, genoss ich die gemeinsamen Aktivitäten ganz besonders. Die Sommerlager in Silian (­Osttirol), in Schönberg am Kamp, in Steinfeld im Drautal bedeuteten für uns Stadtbuben die ersten Fahrten mit der Eisenbahn, das erste Kennenlernen des Landes, in das wir geboren wurden. Waren wir gerade nicht an Aktivitäten, wie sportlichen Wettkämpfen auf der Marswiese, im Einsatz, dann war das Pfarrheim neben der Stephanskirche unser Zuhause. Die Jungschar hat uns Buben der Nachkriegszeit von der Straße geholt und unsere moralische Einstellung für unser weiteres Leben geprägt. Denke ich heute an diese Zeit in meinem ersten weißen Hemd mit dem Abzeichen über dem Herzen, dann empfinde ich vor allem Dankbarkeit.

Peter Rapp

Bildquelle: Stefan C. Leitner; Otto Reiter, Kevin Rieseneder, Rapp

Autor/in:  Paul Stütz

Keywords: 2017/20

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