BRIEF_KASTEN
1859 bei Solferino in der Lombardei. Die österreichische und die sardinisch-französische Armee führen eine erbitterte Schlacht, die rund 30.000 Tote zurücklassen wird. Die später weltberühmte Bertha von Suttner war damals 16, und wie sie später bekannte, hatte sie dieses Geschehen nicht mehr bewegt, als wäre ein Vulkan auf einer fernen unbewohnten Insel ausgebrochen. 33 Jahre später wird sie ihr Buch „Die Waffen nieder“ veröffentlichen. Sie hat gelernt, auf die Erfahrungen ihres Lebens zu hören und ist so eine andere geworden. Die frühere Gleichgültigkeit hatte sich in eine Begeisterung für den Frieden gewandelt. Sie wurde zur Leitfigur der Friedensbewegungen. Welche Chance räumt ein Mensch seinen Erfahrungen ein? Bertha von Suttner ist durch ihre Erfahrungen und ihr Wissen über den Krieg hochempfindsam geworden. Sie hätte denken können: Die Leute werden sich immer die Köpfe einschlagen, da hilft alles nichts. Abstumpfen hätte sie können, mit jeder Erfahrung ein wenig mehr.
Erfahrungen sind wie Steine. Bei den einen stumpfen sie die Sinne ab, wie Steine die Schneide der Sense ruinieren. Doch mit Steinen kann man auch schärfen: die Sense, die Sinne. Dieselbe Erfahrung kann einen Menschen immer „stumpfsinniger“ werden lassen – „Es hilft ja doch alles nichts“, sagt er dann – oder ansprechbar, empfindsam, „scharfsinnig“ eben. Man hat die Wahl.
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