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Weiter für Menschen da sein - Interview mit Detlef Pollack

KIRCHE_OÖ

Was Säkularisierung für Kirchen und Gesellschaft bedeutet, wird der Religionssoziologe Detlef Pollack bei der Thomas-Akademie der Katholischen Privat-Universität Linz erläutern. Der Kirchenzeitung gab er vorab einen Einblick.

Ausgabe: 16/2026
14.04.2026
- Die Fragen stellte Heinz Niederleitner
Wie kann die Zukunft der Kirche in Mitteleuropa aussehen?
Wie kann die Zukunft der Kirche in Mitteleuropa aussehen?
© Nie

Ihr Vortrag bei der „Thomas-Akademie“ (siehe Kasten rechts) heißt „Säkularisierung verstehen“. Was meinen Sie mit Säkularisierung?


Detlef Pollack: Mit diesem Begriff verbinden sich in der Öffentlichkeit, aber auch in der Wissenschaft sehr verschiedene, zum Teil gegensätzliche Interessen. Mir ist es wichtig, den Begriff so weit wie möglich von emotionalen und interessengeleiteten Überlegungen zu lösen und so sachlich und neutral wie möglich zu definieren. Ich verstehe Säkularisierung schlicht als einen Rückgang der sozialen Relevanz von Religion und Kirche in der Gesellschaft. Oft wird der Begriff jedoch als eine Art „Triumph“ der Moderne über die Religionen dargestellt oder als Verlust von traditionellen Werten. Von solchen Bedeutungen möchte ich den Begriff freihalten.

 

Dass mit Säkularisierung Emotionen verbunden sind, ist aus kircheninterner Sicht nachvollziehbar: Die Kirchen haben sich zumindest bis vor Kurzem als unverzichtbare Bestandteile der Gesellschaft gesehen. Sind sie das nun nicht mehr?


Pollack: Das ist der entscheidende Punkt! Im 19. Jahrhundert, etwa beim Soziologen Émile Durkheim (1858–1917), und bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde Religion als etwas angesehen, ohne das der Zusammenhalt in der Gesellschaft bedroht ist. Heute sieht man, dass Kirchen und Religionen ein Bereich der Gesellschaft unter vielen sind – neben dem Recht, der Politik, der Wissenschaft, der Kunst und sogar der Moral. Religion kann etwas für das gesellschaftliche Zusammenleben leisten, aber sie wird nicht mehr als unbedingt notwendig empfunden. Es ist nicht so einfach, damit zurechtzukommen. Man muss Vorstellungen universeller Zuständigkeit zurückfahren und damit fertigwerden, dass man nicht mehr für das Leben der Menschen im Ganzen zuständig ist, sondern nur noch für bestimmte Aspekte im Kompetenzbereich von Kirche und Religion.

 

Was kann die Kirche in Zukunft für die Gesellschaft leisten?


Pollack: Für die Kirchen wäre es fatal, zu versuchen, den alten, universellen Geltungsanspruch aufrechtzuerhalten. Sie müssen sich mit ihrer spezifizierten Funktion arrangieren. Aber von diesem Punkt aus können sie durchaus etwas für die Gesellschaft, für die Menschen tun: Denken Sie zum Beispiel an die Seelsorge. Viele Menschen wünschen sich von der Kirche Orientierung und Begleitung in Lebenskrisen. Wenn es zudem um ehrenamtliches Engagement geht, sehen wir, dass die Kirchenmitglieder und vor allem diejenigen, die sich kirchlich engagieren, viel aktiver sind als andere. Untersuchungen zeigen auch, dass kirchlich gebundene Menschen den Mitmenschen ein höheres Vertrauen entgegenbringen als konfessionslose Menschen. Kirche macht in vielerlei Hinsicht einen Unterschied, aber notwendig ist sie für die Gesellschaft nicht mehr.

 

In der großen Studie „Woran glaubt Österreich?“ aus dem Vorjahr fällt auf, dass jüngere Menschen wieder religiöser sind als etwas ältere. Manche Kirchenvertreter verweisen auf die gestiegene Zahl von Taufen junger Menschen im säkularisierten Frankreich und erhoffen sich einen Trend. Ist das Wunschdenken oder ist da etwas dran?


Pollack: Wir müssen uns dieses Phänomen genau ansehen. Ich habe die Zahlen für Frankreich im Blick. Da gab es früher 4.000 bis 6.000 Taufen junger Erwachsener pro Jahr, zuletzt waren es um die 18.000. Führt man sich aber vor Augen, dass es mehrere Millionen Menschen diesen Alters in Frankreich gibt, dann sind das Veränderungen unter der Ein-Prozent-Schwelle. Wir sprechen hier von einer absoluten Minderheit. Man darf dieses Phänomen also nicht überschätzen. Religionssoziologisch möchte ich allerdings ergänzen, dass es immer auch Gegenbewegungen zur Säkularisierung gegeben hat. Die gewachsene Zahl der Erwachsenentaufen ist eine davon, sollte aber nicht überschätzt werden.

 

Abseits der Zahlen: Was suchen diese jungen Menschen in der Kirche? Ist es tatsächlich Glaube in Gemeinschaft oder doch eher Heimat und Identität?


Pollack: Diese Dinge sind zwar nicht deckungsgleich, aber Menschen können sie als zusammengehörig erleben. Eine große Rolle spielt hier offenbar, dass diese Menschen die Welt als politisch, ökonomisch und sozial plural und als unübersichtlich wahrnehmen. Für viele, für die meisten ist diese kulturelle Vielfalt ein Gewinn. Sie wollen nicht eine letzte Sicherheit, sondern nehmen die vielfältigen Angebote der Gesellschaft als Gelegenheiten wahr, die sie nutzen und in denen sie sich ausprobieren wollen. Manche aber fühlen sich durch diese Unübersichtlichkeit überfordert und suchen nach etwas, das ihnen Halt gibt. Sie fragen: Worauf können wir uns verlassen? Während die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen einem Kulturrelativismus anhängt, gibt es doch auch einige, die mehr Sicherheit haben wollen. Diese Sicherheit suchen sie möglicherweise in der Politik oder auch in einem bestimmten lokalen Patriotismus, in der Nation – und eben auch in der Religion. Es geht wahrscheinlich sehr stark darum, irgendwo einen festen Halt in einer unübersichtlichen Welt zu finden.

 

Kommen wir zurück zum Gesamtbild: Die Säkularisierung zwingt Kirchenmitglieder, mit Verlusterfahrungen umzugehen: Gottesdienstgemeinden werden kleiner, Glaube weniger sichtbar, die materiellen Möglichkeiten schrumpfen. Welche Haltung wäre dem nun angemessen?


Pollack: Man wird sich mit den zurückgehenden Handlungsmöglichkeiten arrangieren müssen, ohne in Resignation zu verfallen. An vielen Stellen, in der Seelsorge, in der Jugendarbeit, bei der Betreuung von Alten und Schwachen, kann die Kirche nach wie vor viel Gutes tun. Da wird sie gebraucht. In der Kirche herrscht oft ein anderer Ton des Umgangs als in anderen Bereichen der Gesellschaft, ein Umgang, der stärker durch Respekt und Anerkennung geprägt ist. Da kann die kirchliche Praxis in die Gesellschaft ausstrahlen und vielleicht im Kleinen oder auch im Großen manche Wirkung erzielen. Vor allem aber sollte die Kirche da sein, wenn Menschen Begleitung in kritischen Lebenssituationen benötigen. Sie ist dann natürlich nur eine Institution unter vielen, aber eine, die für viele nach wie vor von Bedeutung ist.

 

 

Thomas-Akademie


Über das Thema „Säkularisierung verstehen. Herausforderungen für Kirche und Gesellschaft“ spricht Prof. Detlef Pollack bei der diesjährigen Thomas-Akademie der Katholischen Privat-Universität Linz (Bethlehemstraße 20) am 23. April ab 19 Uhr. Anmeldungen bis 17. April unter office@ku-linz.at

Detlef Pollack ist Professor für  Religionssoziologie an der Universität Münster. Seine jüngste Buchpublikation trägt den Titel „Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise“.
Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster. Seine jüngste Buchpublikation trägt den Titel „Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise“.
© Heiner Witte / Uni Münster
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