BRIEF_KASTEN
Doch keines dieser Gewächse kann dem Schneeglöckchen den Rang als die Frühlingsbotin schlechthin streitig machen. Es hat sich den Menschen ans Herz gewachsen. Man weiß um die Plätze und kann sie mit ziemlicher Gewissheit an diesen erwarten. Und wenn sich auch noch die Schlüsselblume dazugesellt, ist er da: der Frühling. Da regt sich eine Lust, eine Begehrlichkeit mehr noch: Die Freude daran könnte man ja verlängern, ein Weniges davon nach Hause tragen. Oder man möchte die selbst empfundene Freude einem Menschen, den man mag, zukommen lassen – oder einem, der selbst nicht aus dem Haus kommt. Aber schon während der Stängel bricht, wird einem bewusst: Es ist nicht mehr die Blume, die sie eben noch war. Schönheit. Freude. Leben. – Es bricht, wenn man es pflückt. Abgestorbenes trägt man dann heim. Da wächst und reift nichts mehr.
Ein Frühlingsspaziergang kann ein Einüben sein. Die wertvollsten Dinge des Lebens, besonders die Liebe: Sie erfüllen sich nicht, wenn man sie pflückt: nicht im Besitzen also. Im Anblick, im Staunen, im Moment der Begegnung entfalten sie ihre Kraft.
BRIEF_KASTEN
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>