BRIEF_KASTEN
Es gibt Fähigkeiten, die man von Natur aus hat – und solche, die man erst erlernen und üben muss. Schreiben, Lesen und Radfahren gehören dazu. Man hat es lernen müssen.
Eine der menschlichsten Fähigkeiten ist das Mitleid. Möglicherweise hat man viel davon von Natur aus mitbekommen. Die Psychologie wüsste es. Selbstverständlich ist es nicht – sonst ginge es auf der Welt wohl anders zu. In großen Städten der Welt befinden sich die Luxushotels und gepflegte Strände gleich neben den Slums.
Mitleid ist eine Fähigkeit, die einem sehr leicht abhandenkommen kann. Man „härtet sich ab“ gegen das Leid und meint, so besser leben zu können. Man könne ja nicht alles Leid der Welt an sich heranlassen, man würde es nicht tragen können. Es stimmt wohl – aber sein Herz ganz zu verschließen vor den Nöten des Nächsten und in der Welt? Ein verhärtetes oder verstocktes Herz, wie es Psalm 95 sagt, hat den Gottesweg verlassen.
Es gab Zeiten, da musste sich Mitleid versteckt halten – in jenen finsteren Jahren, als man Menschen nach dem Leben trachtete, weil sie jüdischer Abstammung waren oder aus anderen Gründen. Das Mitleid wollte man den Menschen damals abgewöhnen – nur so könne der Staat der verhärteten Herzen bestehen.
Es ist nicht leicht, als Leid-empfindsamer Mensch zu leben. Wie weit man sich einlassen kann und will, ist eine Frage, auf die ein Mensch Antwort finden muss.
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