BRIEF_KASTEN
Das kleine Wörtchen „zu“ hat es in der Rangliste der häufigst gebrauchten Wörter ziemlich weit nach oben geschafft. Schon wegen seiner Kürze fügt es sich schnell ein in die rasch dahingesagten Sätze und Seufzer. Beliebt ist es deswegen noch lange nicht, hat es doch meistens mit Unannehmlichkeiten zu tun.
Immer ist etwas „zu“: zu warm oder zu kalt, zu nass oder zu trocken, zu streng oder zu locker. Sogar sich selbst finden Menschen zu dick oder zu dünn, zu jung oder zu alt.
Ist es Ausdruck einer sich mehr und mehr verbreitenden Unzufriedenheit, in der man es nicht schafft, sich mit gegebenen Umständen anzufreunden oder gar, zufrieden damit zu sein?
„Zu“ hat ja eigentlich mit einer Einengung zu tun, einem Zumachen, Verschließen. Grenzt man da nicht selbst die sich bietenden Lebensfreuden ein, wenn man sie nur innerhalb einer ganz engen Spannweite anzunehmen vermag?
Das Wetter nur bei 27 bis 29 Grad, das Leben insgesamt nur im besten Alter? Und ansonsten wäre alles „zu“?
Man könnte versuchen, aus der Beschreibung seiner Lebensumstände für einen Tag das Wörtchen „zu“ herauszustreichen, um so zu probieren, wie sich der Tag dann anfühlte. Nicht zu kalt wäre es dann, sondern einfach nur kalt.
Und an einem anderen Tag nicht zu heiß, sondern – heiß eben. Das „zu strenge“ verlöre seine Heftigkeit, das „zu bittere“ würde zu einer interessanten Geschmacksrichtung. Offen also statt zu!
Sind diese Beschreibungen doch zu moralisierend geraten? Lassen wir das „zu“ weg. Moral für sich ist ja nicht schlecht.
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