BRIEF_KASTEN
Vater und Sohn sind nach einem Autounfall schwerverletzt. Als der jugendliche Sohn im Unfallkrankenhaus operiert werden soll, sagt jemand aus dem Ärzteteam: „Ich kann nicht operieren. Das ist mein Sohn!“ Wie ist das möglich? Bereits vor 30 Jahren kursierten Rätselaufgaben wie diese, die veranschaulichten, dass Frauen zwar mitgemeint, aber trotzdem nicht immer mitgedacht sind. Denn viele Menschen brauchen eine Weile, bis ihnen in den Sinn kommt, dass dem Ärzteteam die Mutter des Jugendlichen angehören könnte. Bei der Enzyklika „Fratelli tutti“ („Alle Brüder“ oder „Alle Geschwister“) ist das natürlich anders, weil inzwischen bekannt ist, dass es sich wie bei „Laudato si‘“ um ein Zitat des Franz von Assisi handelt und ein solches unantastbar ist. Nur: Hätte Franz von Assisi nicht auch noch andere großartige Zitate zur Auswahl gehabt? Über den bloßen Titel einer Enzyklika diskutieren zu müssen, ist 2020 langweilig. Niemand hat mehr Lust auf solche Diskussionen. Weder die Frauen, die es leid sind, gerechte Sprache einfordern zu müssen, noch die Überzeugten, dass „Brüder“ geschlechtsneutral sei. „Fratelli“ zur Sicherheit nicht zu übersetzen, war eine schlaue Feuerwehrmaßnahme. Unkomplizierter wäre es gewesen, einen anderen Titel zu wählen.
BRIEF_KASTEN
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>