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Teuerungen treffen auch die Mittelschicht immer stärker

„Leute brauchen jetzt Reserve“

Gesellschaft & Soziales

Durch die derzeitige Teuerungswelle könnten Menschen in die Armut schlittern, die bisher finanziell gut abgesichert waren. Arbeiterkammer (AK) und Caritas fordern dringend Entlastungsmaßnahmen.
 

Ausgabe: 26/2022
28.06.2022
- Lisa-Maria Langhofer
Wofür Geld ausgeben und wofür besser sparen? Diese Frage stellt sich auch in der Mittelschicht immer öfter, je mehr die Preise für Lebensmittel, Sprit und Strom steigen.
Wofür Geld ausgeben und wofür besser sparen? Diese Frage stellt sich auch in der Mittelschicht immer öfter, je mehr die Preise für Lebensmittel, Sprit und Strom steigen.
© photo by Drazen Zigic

In puncto Teuerung ist noch immer keine Beruhigung in Sicht, die Kosten für Strom, Sprit, Lebensmittel und vieles andere steigen weiterhin an. Immer stärker bekommt das auch der Mittelstand zu spüren, der sich  zuletzt einigermaßen gut durch die Coronakrise navigieren konnte – auch dank finanzieller Rücklagen. Genau diese Polster sind jetzt aber vielfach aufgebraucht, Zeit, um etwas Neues anzusparen, gab es nicht.

 

„Es herrscht Verunsicherung und zum Teil auch große Verzweiflung. Die Leute fragen sich, was wohl als Nächstes kommt“, sagt Michaela Haunold, Leiterin der Caritas-Sozialberatungsstellen in Oberösterreich.

 

Die Zahl der Beratungsgespräche sei gegenüber den beiden Vorjahren nochmals gestiegen, derzeit sei man auf dem Nivaeu von letztem Jahr: 4.000 Personen kamen in die Beratungsstellen, rund 10.000 Gespräche wurden geführt mit Familien, Alleinerziehenden, Mindestpensionist/innen, Selbstständigen. „Ein Klient bekam eine Mietpreiserhöhung um 100 Euro, dann ist die Stromrate um 100 Prozent gestiegen. Er ist alleinerziehend mit einer vierjährigen Tochter und fragt sich, wie er das hinkriegen soll“, berichtet Haunold von einem Fall. „Selbst wenn er eine kleinere Wohnung findet, muss er sich erst einmal die hohe Kaution von mehreren Monatsmieten leisten können und braucht eventuell noch eine neue Küche und Möbel.“

 

Mehr Armut

 

Steigende Fixkosten sind das eine, unerwartete Kosten das andere – das Kind wird krank, der Kühlschrank oder die Waschmaschine geht kaputt, ein Elternteil verliert seinen Job. Haunold berichtet von der Situation einer anderen Familie: „Der Sohn liegt zurzeit im Krankenhaus, wohin sie mit dem Auto fahren müssen. Dadurch kommt zur gestiegenen Stromrechnung von 150 auf 480 Euro noch ein Mehr an Benzinkosten dazu.“ Auch der Vater brauche für seine Arbeit ein Auto. 


„Es wird mehr armutsgefährdete Haushalte und Familien geben, wenn die Politik die Teuerung nicht nachhaltig bekämpft“, sagt AK-Präsident Andreas Stangl. Das zuletzt beschlossene Anti-Teuerungspaket sei zu wenig treffsicher, die Einmalzahlungen seien zwar gut, aber insgesamt nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Was im Paket völlig fehlt, sind preisdämpfende Maßnahmen wie die Senkung der Umsatzsteuer auf Lebensmittel, eine Mietpreisbremse oder ein Energiepreisdeckel.“ Ebenfalls ein Problem sei, dass der Großteil der Entlastungen erst im Herbst oder nächstes Jahr erfolgen sollen. „Die Leute brauchen jetzt eine Reserve“, sagt Stangl. 


In den Caritas-Beratungsstellen wird zwar gemeinsam mit den Betroffenen nach Einsparungspotenzial gesucht, um zumindest eine erste Krise zu überbrücken, doch gerade in Mietwohnungen mit alten Fenstern oder Elektrogeräten ist das schwer möglich.

 

Manchmal gibt es auch kein soziales Netz: „Da ist keine Oma da, die auf das Kind aufpassen kann, während die Mama arbeiten geht, oder kein Bekannter, der einem etwas leiht“, sagt Haunold. Perspektiven zu schaffen und „auf Sicht“ zu arbeiten, sei nahezu unmöglich.

 

Sozialleistungen erhöhen

 

Sowohl Stangl als auch Haunold kritisieren, dass der Sozialstaat in Österreich nicht armutsfest sei und viele Leistungen unter der Armutsgrenze liegen. „Kombiniert mit der aktuellen Teuerung ist die Situation für diese Menschen existenzbedrohend“, sagt Stangl.

 

Die Sozialleistungen gehörten daher so schnell wie möglich erhöht, etwa die Arbeitslosengeld-Nettoersatzrate von 55 auf mindestens 70 Prozent. „Das ist das Mindeste, um die Existenz von vielen arbeitslosen Menschen zu sichern“, sagt Stangl. Die AK fordert außerdem eine Erhöhung des Familienzuschlags auf zwei Euro täglich, da dieser seit 2001 gleichgeblieben ist. Generell valorisiert werden müsse der Arbeislosengeld- und Notstandshilfebezug. 


Michaela Haunold von der Caritas sieht noch weitere Möglichkeiten, den Menschen unter die Arme zu greifen: „Gut wäre eine Valorisierung der Wohnbeihilfe und Sozialhilfe. Es gab immer wieder Anträge dazu im Landtag, aber leider wurde noch nichts enschieden. Auch der Heizkostenzuschuss würde sich anbieten.“ 

 

Bessere Zusammenarbeit

 

Die Caritas wünscht sich zudem, dass Land und Bund besser zusammenarbeiten, statt sich die Verantwortung gegenseitig zuzuschieben: „Jeder sollte in seinem Einflussbereich schauen, an welchen Schrauben er drehen kann, um es am Ende für die Leute besser zu machen. «

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