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Jugendkriminalität

"Kriminelle" Jugendliche: Begleiten statt einsperren

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Ob Jugendliche wirklich krimineller werden und wie man damit umgehen soll, darüber sprach die Kirchenzeitung mit Josef Landerl vom Verein Neustart und dem Kriminologen Helmut Hirtenlehner (JKU).

Ausgabe: 27/2023
04.07.2023
- Lisa-Maria Langhofer
Hohe Strafen und einsperren bringt weniger als Präventionsmaßnahmen und Begleitung straffällig gewordener Jugendlicher.
Hohe Strafen und einsperren bringt weniger als Präventionsmaßnahmen und Begleitung straffällig gewordener Jugendlicher.
© Photographer Morozova Tatiana

Diebstähle, Taxiüberfälle oder die Ausschreitungen zu Halloween in Linz: Meldungen über Jugendliche als Täter:innen schockieren und lassen den Eindruck gewinnen, diese würden immer krimineller. Beispielsweise ist die Anzahl unmündiger (unter 14 Jahre) Tatverdächtiger seit 2013 stark gestiegen, von 5.587 auf 10.428 im Jahr 2022 (Quelle: Neustart Report 23). In Österreich sind Jugendliche ab 14 Jahren strafmündig, können also strafrechtich belangt werden. 


Laut Josef Landerl, Leiter der Einrichtung Neustart Oberösterreich, sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen: „Natürlich sieht es zunächst einmal so aus, als wäre die Kriminalität gestiegen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass sich in der Zwischenzeit die Aufklärungsquote der Polizei drastisch erhöht hat.

 

Außerdem wurde 2018 die Zählweise verändert und es gilt nun die Mehrfachzählung. Das heißt, wenn derselbe Jugendliche vier Mal etwas anstellt, dann wird das vier Mal gezählt. Davor ist immer pro Kopf gezählt worden.“ Werden diese Faktoren mitgerechnet, sie die Quote jugendlicher Tatverdächtiger laut Landerl nicht um 30, sondern um nur sieben Prozent gestiegen. Die Schwere der Delikte hat jedoch zugenommen, räumt Landerl ein: „Der Anteil der schweren Körperverletzungen ist so hoch wie nie zuvor, darauf muss man reagieren.“


Auch Helmut Hirtenlehner, Leiter des Zentrums für Kriminologie der Johannes Kepler Universtiät Linz (JKU) hält wenig von der polizeilichen Kriminalitätsstatistik: „Diese gibt ausschließlich Auskunft über die amtlich registrierte, angezeigte Kriminalität. Gleichzeitig verändert sich das Anzeigeverhalten der Bevölkerung, die Kontrolldichte variiert. Das reicht nicht, um Aufschlüsse über die Kriminalität insgesamt zu tätigen.“

 

Was neuere Studien jedoch zeigen, ist eine Verschiebung der Altersgrenze bei auffälligen Jugendlichen: „Früher lag der Höhepunkt der Kriminalitätsbelastung bei ungefähr 18 Jahren. Heute liegt sie eher bei 15 bis 16 Jahren.“

 

SOZIALES UMFELD WICHTIG

 

Um die Ursachen von Mehrfachtäterschaft und mögliche Präventionsmaßnahmen zu ergründen, gaben das Land OÖ und der Städtebund eine Studie beim Zentrum für Kriminologie an der JKU in Auftrag. Helmut Hirtenlehner fungiert als Studienautor. Grundsätzlich sei Jugendkriminalität nichts Außergewöhnliches, sagt der Kriminologe: „In der Jugendphase ist die Begehung vereinzelter leichter Straftaten vollkommen normal. Das gehört zum Grenzen austesten und Normen lernen dazu.“

 

In der Studie soll es um die „relativ kleine Gruppe von Personen gehen, die schon sehr früh sehr häufig mit untypisch schweren Handlungen auffällig werden und diese erhöhte Kriminalitätsbelastung lange beibehalten.“ 50 stark auffällige junge Menschen sollen zu ihrer Biografie und ihren Motiven befragt werden. Laut Josef Landerl hängt es vom sozialen Umfeld ab, wie wahrscheinlich ein:e Jugendliche:r kriminell wird.

 

„Gibt es ein desolates Elternhaus, nimmt sich niemand Zeit für die Jugendlichen? Oder kommen sie in eine Gruppe, wo Drogen konsumiert werden oder eingebrochen wird? Gibt es Gewalterfahrungen? Bei einem negativen Umfeld kann es passieren, dass jemand mehrmals straffällig wird.“

 

STRAFEN KONTRAPRODUKTIV

 

Hinterlehner möchte keine Resultate vorwegnehmen, was die möglichen Maßnahmen betrifft, vertritt er jedoch eine klare Meinung: „Bei jenen Jugendlichen, die sich vereinzelt ausprobieren, sind intensive strafrechtliche Reaktionen kontraproduktiv. Die führen nur zu einer Stigmatisierung.“

 

Reaktionen auf Intensivtäterschaft brauche es sehr wohl, dies dürfe aber nicht mit harter Bestrafung gleichgesetzt werden: „Der Forschungsstand der Kriminologie zeigt sehr deutlich, das härtere Strafen nicht zu weniger Rückfallskriminalität führen.  Ich bin auch kein Freund des Herabsetzens der Strafmündigkeit. Einen Zwölfjährigen drei Jahre lang mit lauter auffälligen 20- und 30-Jährigen einzusperren, wird das Problem nicht lösen. Wenn er herauskommt, ist er eine wandelnde Zeitbombe.“ 


In eine ähnliche Kerbe schlägt Josef Landerl von Neustart. Der Verein ist seit mehr als 60 Jahren in der Straffälligenhilfe tätig, seit fünf Jahren arbeitet er mit dem Land OÖ zusammen und bietet Gewaltpräventionsworkshops für Asylwerber:innen an, die nun schrittweise auf unbegleitete minderjährige Flüchtende ausgeweitet werden sollen. Damit sollen „potenzielle Gewalttendenzen im Vorhinein erkannt“ werden, wie es von Land OÖ und Städtebund heißt.


„Wir setzen auf Prävention und Begleitung“, sagt Landerl. Ein großer Teil der Arbeit von Neustart ist die Betreuung und Begleitung bereits straffällig gewordener Jugendlicher in Form der Bewährungshilfe, der Vermittlung gemeinnütziger Leistungen oder des Tatausgleichs.  

 

Landerl: „Es braucht Institutionen, die sich um die Kinder und Jugendlichen kümmern und sie ausreichend stützen. Es muss jemand da sein, der sie im Auge hat, anleitet und als Vorbild wirken kann. Sie einzusperren, wäre ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.“
 

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