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„Kirche ist systemrelevant“

Gesellschaft & Soziales

Landeshauptmann Thomas Stelzer erwartet für heuer vertraute Weihnachtsfeiern, aber im kleineren Kreis. Im Interview mit der KirchenZeitung spricht er über seine Erwartungen für 2021, den freien Sonntag und was die Kirche in der Krise leistet.
 

Ausgabe: 49/2020
01.12.2020
- Heinz Niederleitner
Landeshauptmann Thomas Stelzer lädt ein, sich an den kommenden Corona-Massentestungen zu beteiligen. Land OÖ
Landeshauptmann Thomas Stelzer lädt ein, sich an den kommenden Corona-Massentestungen zu beteiligen. Land OÖ
© (C) Land OÖ

Wie nehmen Sie die Stimmung im Land im zweiten Lockdown wahr?
Thomas Stelzer:
Sie ist sehr angespannt. Wir alle hoffen, dass wir das Virus bestmöglich in den Griff bekommen und die Anzahl der Fälle, die Spitals- und Intensivbetreuung benötigen, wieder abnimmt. Gleichzeitig wollen wir bald unsere volle Bewegungsfreiheit zurück. Drittens ist da die Frage: Wann wird das alles zu Ende sein? Unser Durchhaltevermögen ist jetzt gefordert.


Wie viel Festlichkeit wird zu Weihnachten möglich sein?
Stelzer:
Aus heutiger Sicht werden wir in vertrauter Form, aber in kleinerem Kreis feiern. Wir müssen noch beobachten, wie sich der Lockdown bis zum Nikolaustag auswirkt. Helfen sollen dabei auch die angekündigten Massentestungen. Deshalb kann ich nur alle einladen, daran teilzunehmen.


Wie stehen Sie zur Diskussion um Sonntagsöffnungen an den letzten Adventsonntagen?
Stelzer:
Sonntag ist Sonntag, besonders für uns Christ/innen. In Oberösterreich ist der freie Sonntag als Staatsziel in der Landesverfassung verankert. Hätten sich die Sozialpartner geeinigt, angesichts der Ausnahmesituation einmal etwas anderes zu vereinbaren, wäre das auf einer anderen Ebene gewesen. Aber auch dann darf das grundsätzliche Prinzip nicht aufgeweicht werden.


Schon während des ersten Lockdowns wurde die Frage gestellt: Wie systemrelevant ist Kirche? 
Stelzer:
Kirche ist systemrelevant. Uns hat zum Beispiel die Frage der Seelsorge in den Alten- und Pflegeheimen beschäftigt, die jetzt im zweiten Lockdown möglich ist. Gerade in einer Zeit, wo so viel unsicher ist, bietet der Glaube Halt. Aber es gibt die Herausforderung, seelsorgliche Angebote zu machen und doch zu verhindern, dass es zu größeren Ansammlungen kommt. Derzeit ist eine schmerzliche Einschränkung der Gottesdienste notwendig. Das hat aber nichts mit Relevanz von Kirche an sich zu tun.


Im zweiten Lockdown nehmen mehr Eltern die Betreuung ihrer Kinder in Anspruch als im Frühjahr. War die Schulschließung notwendig?
Stelzer:
Ich war dafür, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten. Aber letztlich waren die Zahlen so, dass wir das akzeptieren mussten. Wir haben jetzt rund 2,5 Wochen Schulschließung. Eine längere Schulschließung wäre wirklich problematisch für die Entwicklung der jungen Menschen.


Es ist davon auszugehen, dass 2021 im Vergleich zu heuer das wirtschaftlich und sozial schwierigere Jahr wird. Worauf stellen Sie sich ein?
Stelzer:
Es wird im nächsten Jahr ein Zeitpunkt kommen, wo es leider für manche Betriebe schwierig werden und die Arbeitslosigkeit nochmals steigen wird. Darum haben wir den Oberösterreichplan mit 1,2 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre vorgelegt, um mit Investitionen Schwung ins System zu bringen und Arbeitsplätze zu sichern. Ein besonderer Schwerpunkt wird auch auf Umschulungsmaßnahmen liegen, denn wir haben auch derzeit 17.000 offene Stellen.


Sie sind als Landeshauptmann mit Plänen zur Budgetkonsolidierung angetreten. Ist es für Sie bitter, dass Ihnen Corona das zunichte macht?
Stelzer:
Ja, aber die Welt hat sich über Nacht verändert. Der Plan war: Wir nutzen die gute Zeit, um Rücklagen für die schlechteren Zeiten zu haben. Dass die schlechtere Zeit so schnell kommt, konnte niemand voraussehen. Durch unsere Null-Schuldenpolitik können wir aber jetzt mehr helfen als andere. Wenn jetzt nicht die öffentliche Hand Verantwortung übernimmt, wer soll es sonst machen? Es ist aber mein Ziel, zum Weg der ausgeglichenen Budgets zurückzukehren, wenn die Krise überwunden ist.


Die Corona-Impfungen sind in Sicht. Es ist notwendig, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung impfen lässt. Was sagen Sie Zweifelnden?
Stelzer:
Angesichts des Leids, das uns das Virus zufügt, und der Einschränkungen, ganz zu schweigen von Arbeitsplatzverlust und wirtschaftlichem Schaden, ist hier ein gemeinsamer Kraftakt notwendig. Ich bin aber zuversichtlich: Wenn die Impfung da ist und die Menschen sehen, dass sie sicher ist, werden sich viele impfen lassen.


Sie sind auch Kulturreferent: Wann kann das kulturelle Leben wieder starten?
Stelzer:
Ich will keinen Blick in eine unsichere Glaskugel machen, aber ich hoffe, dass wir möglichst früh im kommenden Jahr wieder zu einem, zumindest eingeschränkten, Kulturbetrieb kommen können. Jetzt ist es wichtig, den professionellen Künstlerinnen und Künstlern beim Einkommen zu helfen und die vielen Ehrenamtlichen im Kulturbereich bei der Stange zu halten.


Was sollten wir in fünf Jahren über unsere Gesellschaft in der Corona-Zeit sagen können?
Stelzer:
Wir sollten sagen können, dass es ein Ausnahmejahr war, das wir aber gut bewältigt haben; dass das Land und seine Gesellschaft stark und vielfältig daraus hervorgegangen sind; dass das Miteinander ein entscheidender Faktor war und dass wir mit gesundem Gottvertrauen da durchgegangen sind. Ich bin überzeugt: Wir werden das dann auch sagen können.«

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