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Frieden: Die Hoffnung lebt, aber leise

GESELLSCHAFT_SOZIALES

In der Ukraine beginnt das fünfte Kriegsjahr. Erschöpfung greift um sich. Initiativen im Land und aus dem Ausland versuchen, körperliches und seelisches Leid zu lindern. 

Ausgabe: 09/2026
24.02.2026
- Monika Slouk
Die „Akademie der Veteranen“ in Lwiw: Menschen, die im Krieg Schreckliches erlebt haben, können im künstlerischen Gestalten Ruhe finden.
Die „Akademie der Veteranen“ in Lwiw: Menschen, die im Krieg Schreckliches erlebt haben, können im künstlerischen Gestalten Ruhe finden.
© Академія для ветеранів/Lviv National Academy of Arts

Lemberg liegt im Westen der Ukraine, 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Bis zur Frontlinie im Ukrainekrieg ist es von dort etwa gleich weit wie nach Wien. Doch auch hier ist das Leben stark vom Krieg beeinflusst. Es gibt kaum jemanden, der nicht einen Soldaten oder eine Soldatin an der Front kennt – oder kannte, wenn er oder sie gefallen ist. Uljana Shchurko ist Professorin an der Kunstakademie in Lemberg (Lwiw). In der Anfangszeit des Großangriffs Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren half sie mit, Binnenflüchtlinge zu unterstützen. Das haben inzwischen öffentliche Stellen übernommen. Als Kulturmanagerin leitet Uljana Shchurko das Projektbüro der Kunstakademie in Lwiw und hat nun beruflich mit den Folgen des Kriegs zu tun.

 

Therapie für Veteranen


Gemeinsam mit dem Reha-Zentrum „Ungebrochen“ hat die Kunstakademie ein Projekt ins Leben gerufen, das sich „Akademie der Veteranen“ nennt. „Menschen, die im Krieg schwer verwundet wurden, kommen zu uns. Oft haben sie einen Arm oder ein Bein verloren, viele sind auf den Rollstuhl angewiesen“, schildert Uljana Shchurko die Zielgruppe des Projekts. Die Teilnehmenden können ihre künstlerische Ausdrucksform aus fünf unterschiedlichen Möglichkeiten wählen: Textilarbeiten, Keramik, Holz- oder Metallarbeiten und Ikonenmalen. Das Material dafür oder kleine Notstromgeräte werden ebenso wie die therapeutische Begleitung aus Spenden finanziert. Jeden zweiten Samstag finden Workshops statt, die künstlerisch und psychologisch begleitet werden. Manche der Absolvent:innen der „Akademie für Veteranen“ sind auch danach künstlerisch tätig oder stellen handwerkliche Produkte für den Verkauf her.

 

Der Krieg betrifft alle


Uljana Shchurko ist mit dem Krieg aber auch privat konfrontiert. Ihr Schwager, Bruder ihrer einzigen Schwester, ist seit vier Jahren an der Front. „Die Familie meiner Schwester und wir haben zehn Jahre lang zusammengewohnt, deshalb sind wir miteinander eng verbunden. Dass mein Schwager schon so lange an der Front ist, belastet uns sehr.“ Uljanas Mann Iwan wurde nicht zum Militär eingezogen, weil er drei Kinder hat. Als Architekt ist aber auch er beruflich mit Kriegsfolgen befasst: Er dokumentiert Zerstörungen an Kulturgütern, damit sie beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt werden können. Die Töchter Nadja und Katerina sind selbst nicht beim Militär, „aber alle paar Monate gehen sie zu einem Begräbnis, wo ein gleichaltriger Freund begraben wird“. Sohn Oleksij hat gerade maturiert. Er hätte die Möglichkeit, an der Technischen Universität in Wien zu studieren. Doch er ist in die Ukraine zurückgekehrt, um dort nützlich zu sein. Derzeit arbeitet er für eine NGO, die Jugendliche während ihres letzten und vorletzten Schuljahrs in Erste Hilfe, Medizin und Überlebenstraining ausbildet. Und er schließt nicht aus, selbst zum Militär zu gehen. Wie es der Mutter bei diesem Gedanken an ihr Nesthäkchen geht? „Das fällt mir nicht leicht, aber er ist erwachsen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn er sein Studium im Ausland ohne ständige Alarme verfolgen könnte. Aber das kann er selbst entscheiden.“

 

5 Grad in der Wohnung


Den Alltag in Lwiw bestimmen nicht nur Luftschutzalarme, sondern auch Stromausfälle. Die Menschen sind kreativ. „Wir werden vorinformiert, wann der Strom stundenweise abgeschaltet wird“, erzählt die Universitätsprofessorin. „Dadurch können wir unseren Tag nach den Stromzeiten planen.“ Unlängst hat eine Bombe in ein großes Elektrizitätswerk in der Westukraine eingeschlagen. „Moskau weiß genau, wo in der Sowjetzeit wichtige Kraftwerke gebaut wurden.“ Doch ihre Nichte, die in Kiew lebt, hätte es wesentlich schlechter, unterstreicht Uljana Shchurko. In der Wohnung hat es 5 Grad, und sie ist froh, dass es Plusgrade sind – bei den strengen Außentemperaturen, kaputten Stromnetzen und Heizsystemen. Wie belastend das Leben auch sei, meint Uljana Shchurko, am schlimmsten wiege, dass kein Ende des Krieges in Sicht sei. „Die Menschen sind erschöpft, doch sie geben ihr Bestes. Mehrmals dachten wir in den letzten Jahren, dass das Kriegsende greifbar wäre.“ Immer wieder seien sie enttäuscht worden. Das, woran sie sich festhalten, sei die Hoffnung, und die lassen sie sich nicht nehmen.              

 

 

 

Familie Shchurko (sprich: Schtschurko) lebt im Westen der Ukraine, in Lemberg, auf Ukrainisch Lwiw. Mit Österreich verbindet sie das Engagement im Verband für katholische Akademiker:innen, der in Lwiw „Obnowa“ heißt. Zwischen der Ukraine und Österreich gibt es seit vielen Jahren einen internationalen Austausch auf der Ebene katholischer Verbände und Verbindungen. Uljana und Iwan Shchurko sowie ihre drei mittlerweile erwachsenen Kinder Nadja (25), Katerina (22) und Oleksij (18) sind griechisch-katholisch, gehören damit einer mit Rom unierten Ostkirche an, die in Liturgie und Spiritualität die ostkirchliche Tradition pflegt, obwohl sie sich zur katholischen Kirche bekennt. Bekanntes Beispiel: Griechisch-katholische Priester können nach ostkirchlicher Tradition verheiratet sein, obwohl sie katholische Priester sind.   

 

Hilfe aus Österreich

 

Die internationale Hilfe für Menschen in der Ukraine hält an, auch aus Österreich.
 

Zum Gedenken an die Vollinvasion Russlands in der Ukraine am 24. Februar 2022 stellte die Caritas vor dem Stephansdom Herzen aus brennenden Kerzen auf – bei Dunkelheit und Schneeregen. Mit dabei auch der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl: „An Gewalt, Ungerechtigkeit und Krieg dürfen wir uns niemals gewöhnen.“ Der stellvertretende Caritas-Österreich-Präsident Alexander Bodmann berichtete, dass das internationale Caritas-Netzwerk mehr als sechs Millionen Menschen in der Ukraine geholfen habe.

 

Marshall-Plan für die Seelen


Dass der Krieg gegen die Menschen in der Ukraine bereits ins fünfte Jahr geht, erschüttert auch den Hauptgeschäftsführer des deutschen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis, Thomas Schwartz. Neben der materiellen müsse auch die psychosoziale Hilfe weitergehen. „Gebäude kann man mit Beton wiederaufbauen, aber eine traumatisierte Gesellschaft braucht einen ‚Marshallplan für die Seelen‘“. Abgesehen von der Nothilfe sollte dem Prozess der EU-Mitgliedschaft für die Ukraine Priorität eingeräumt werden, meint Thomas Schwartz.

 

Russische Kirche soll Frieden fördern


Die Katholische Aktion Österreich (KAÖ) rief zum Jahrestag am 24. Februar die russisch-orthodoxe Kirche zum Einsatz für ein Ende der Kriegshandlungen auf. Das KAÖ-Präsidialteam verurteilt die Unterstützung des Moskauer Patriarchen Kyrill I. für den Krieg und fordert einen entschiedenen Einsatz für den Schutz der Zivilbevölkerung. Friede komme und bleibe nur in gegenseitigem Respekt, betont die KAÖ.

 

 

Familie Shchurko
Familie Shchurko
© Shchurko
Kerzenherzen vor dem Stephansdom Caritas EDW
Kerzenherzen vor dem Stephansdom Caritas EDW
© © 2026 Johannes Hloch, all rights reserved.
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